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| 20. Juli 2010 |
Kategorie: events

Eindimensionale Kultur…? Der Marsch auf der A40

essena40 …und Vorsicht auf der A40, Dortmund Richtung Duisburg, zwischen Dortmund-West und Kreuz Kaiserberg befinden sich Personen auf der Fahrbahn… …gesammelte Erlebnisse vom Still-Leben Ruhrschnellweg. Was habt ihr erlebt?







a40smd21Ab 11 Uhr. A40. Kilometer 5,8. Zwischen Bochum Hamme und Stahlhausen. Zwischen Rollstuhlparcours, Kolpingfamilie, Trommelkombo, Männerchor und Dixiklos. Belegen wir unseren Tisch. Später auch noch den leeren nebenan. Weil Freunde und Verwandte nicht an einen einzigen Biertisch passen. Gelesen werden soll bei uns. Aber man kann nicht lange anlesen gegen den Lärm der A40. Dieser pulsierenden Ader des Ruhrgebiets, die selbst dann noch lärmt, wenn sie gesperrt ist. Nur keine Motoren dieses Mal. Stimmen, Musik, Kinderlachen. So wird das Programm zur Improvisation. Mutter liest, Schwester liest, Vater liest, Bruder spielt Gitarre, Nichte klettert auf seinen Schultern, Freund imitiert Vogelgeräusche, Vater des Freundes spielt Mundharmonika, alle
singen, Schwager wird zum Komödianten, Freund des Schwagers dichtet Lieder über die A40, erzählt Ruhrpottmärchen. Wie gingen Ruhrpottmärchen früher? Vielleicht so: Es waren einmal, in einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat und die Männer noch auf den Pütt gingen, viele glückliche Großfamilien. Die laut und ausgelassen feierten wie die Feste fielen. Es waren einmal. Es sind. Immer noch.

Sarah Meyer-Dietrich


schildbochumMittags. Pralle Sonne.  Unterwegs auf der Busspur zwischen Essen Huttrop und Frohnhausen. Warum? Es ist kein Durchkommen - weder auf der Fußgänger- noch auf der Radfahrerseite. Stau. Eigentlich nichts Ungewöhnliches auf der A 40. Heute aber kein Auto-, sondern ein Menschenstau. Und obwohl ich eigentlich keine Menschenmassen mag, finde ich diese (aus der sicheren Entfernung des Mittelstreifens) ganz wunderbar! Man muss wohl Pottkind sein, um das Besondere dieses Anblicks verstehen und fühlen zu können. Die hässliche, stinkende und laute A 40, die mitten durch Wohngebiete im Herzen des Ruhrgebiets führt, heute ein Ort der ausgelassenen Laune, voller guter Gerüche, kein Lärm, sondern Volksfeststimmung. Und mein ganz persönliches Highlight: Kinder, die auf der A 40 mit Kreide malen. Darüber werden morgen wieder Millionen an Autos fahren. Heute gehört die Autobahn den Fußgängern, Radfahrern und Inlineskatern!


Ilse-Dore Gräf

Youtube mal anders… …broadcast youself. Tisch an Tisch neue Eindrücke, einige laden ein dabei zu sein, andere bleiben lieber unter sich, doch alle sind gemeinsam auf einer Plattform. Sie ist eindimensional, die “fast” kürzeste Verbindung zwischen Dortmund und Duisburg. a40smd1

Die Kultur der Selbstdarstellung schwappt zurück aus dem Web in den öffentlichen Raum. Eine großartige Verbindung von Menschen, die mehr teilen als die Nähe zu einer pulsierenden Ader der Zivilisation.

Sebastian Gottfried


17:15
Gespenstische Szenerie: Irgendwo zwischen Dortmund und Bochum.
Wo sich noch eine Stunde zuvor ein nicht endenwollender Fahrradkorso und dicke Menschenknäuel auf der Autobahn stauten, herrscht nun gähnende Leere.
Preußisch pünktlich haben die Edeka-Versorgungslaster die Laderampen hochgeklappt und die letzten Tischbesatzungen ihr Handwägelchen gepackt- wohl auch ein bischen froh, nach 10 Stunden den heißen Asphalt verlassen zu können. Zurück bleibt eine pieksaubere, menschenleere Autobahn. Ein paar versprengte Radfahren rasen die Überholspur entlang, vorbei an grotesk Warn-Wimpel schwenkenden Freiwilligen und THW-Lastwagen. Nur schnell, schnell weiter - denn jederzeit kann Schluss sein, der ganze irrwitzige Traum zu Ende. Und dann kommt sie, die Ausleitung. Alles vorbei - irgendwo zwischen Lütgendortmund und Harpen. Ausgerechnet da, wo Kultur immer nur längsbraust…

Falk Ebinger

Die A40 bei Essen-Zentrum. (Foto Legrand)

Die A40 bei Essen-Zentrum. (Foto Legrand)


 
 
 

4 Kommentare zu “Eindimensionale Kultur…? Der Marsch auf der A40”

  1. Sven
    20. Juli 2010 um 16:01

    Ist es denn wirklich so aufregend aus einer Autobahn, die täglich genau dann, wenn man sie wirklich braucht, zu einem Parkplatz mutiert, eine Fußgängerzone zu machen? Nun gut, versetzt man sich in die Lage dieses armen hässlichen Stück Teers, dessen einzige Lichtblicke normalerweise die nachts von Ortsfremden ausgelösten Starenkästen in Höhe Essen Frillendorf sind, muss man schon zugeben, dass es schmeichelhaft ist, zeitgleich von den Füßen tausender Menschen massiert zu werden. Vom modernen Menschen hingegen hätte ich erwartet, dass er dem Brüten in der Hitze einer für andere Zwecke geschaffenen Betonlandschaft eher ablehnend gegenüber steht. Interessanterweise fand das Angebot aber regen Zuspruch. Verrücktes NRW. Das ganze deshalb zu wiederholen?? Auf keinen Fall! Wie wäre es mit einer etwas zeitgemäßeren Öffnung der Essener Innenstadt für den Autoverkehr? Mit 130 km/h die Einkaufsmeile entlang und dann rein in den Rallye-Parcours im neuen Einkaufszentrum. Das wär ein Spaß…

  2. Sarah
    20. Juli 2010 um 18:22

    @Sven: Warum so skeptisch? Darf der moderne Mensch nicht auch mal etwas anderes ausprobieren als das dauernde Grillen in der Grünanlage? Und warum mit dieser Betonader nicht auch mal positive Assoziationen verbinden? Beim nächsten Stau einfach daran erinnern, wie die unliebsame Strecke zur sonntäglichen Müßiggangmeile wurde. Warum diese Strecke, auf der Menschen für gewöhnlich anonym aneinander vorbei fahren, nicht auch einmal zum Ort der Begegnung machen? In Parks und an die Ruhr flüchten die Ruhrpottkinder an Sommerwochenenden sowieso. Da ist ein bisschen Beton doch mal eine interessante Abwechslung. Ich vermute, du bist gar nicht da gewesen? Auch die Ruhr-Uni Bochum, unser Vorzeigebetonobjekt war ja einst eher funktional gedacht: Arbeiterkinder sollten dort arbeiten und nicht in der Sonne liegen. Sie liegen trotzdem in der Sonne. Und laufen über die Autobahn. Verrückt? Na klar. Und das immer wieder gerne.

  3. Ilse-Dore
    21. Juli 2010 um 08:40

    Sarah spricht mir aus dem Herzen!

    Gerade das zweckentfremdende Element ist doch das Schöne und gleichzeitig auch das Typische für das Ruhrgebiet. Aus einer Gebläsemaschinenhalle für Hochöfen wird ein Konzerthaus, aus der Kokerei ein Café, aus Kühlbecken ein Schwimmbad. Und während die genannten Beispiele gewissermaßen aus der Not geboren wurden (Zechenschließung etc.), hat man bei der A40 daraus eine “Tugend” gemacht (”Wir machen bewusst eine Pause und zweckentfremden die Autobahn.”)
    Ich stimme Sven aber zu, dass es keine Wiederholung geben sollte. Das Fest lebte gerade von der Einmaligkeit. “Jetzt oder nie! Einmal auf der A40 gehen!” - das war das Motto vieler Menschen. Für das nächste Ruhrgebietsfest sollten wir etwas anderes zweckentfremden.

  4. Benjamin
    21. Juli 2010 um 16:10

    Verrücktes NRW? Verrücktes Ruhrgebiet? Mit dieser Überschrift kann man doch sehr gut leben. Wo anders wäre es möglich, Menschen aller Altersgruppen, aller Bildungshintergründe, aller Einkommensschichten zu versammeln. Und nicht nur zu versammeln, sondern zu beteiligen, ihnen gar das Heft des Handelns in die Hand zu geben. Nicht nur das „Programm“ an den Tischen, sondern auch die friedliche Atmosphäre (nur rund 200 Sanitäter-Einsätze bei 3 Millionen Besuchern) wurden schließlich von den Besuchern „geschaffen“. Ob es Kultur zu nennen ist, wenn Erwachsene über eine Autobahn spazieren oder Kinder Asphalt mit Kreide bemalen (abgesehen von tausenden Lesungen, Konzerten etc.)? Eine größere, symbolträchtigere, konsequentere und nachhaltigere Intervention im öffentlichen Raum dürfte kaum zu finden sein. Ob man das wiederholen sollte, wird sich erst in einigen Monaten und Jahren zeigen. Vielleicht möchte auch die A42, wie sagte Sven, von Millionen Füßen massiert werden.

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