Kloster

Archiv des 4. Jahrgangs (2007/ 2008)

Protokolle zum Filmwochenende von Ferdinand Elfers

Vom 4. bis zum 6. April stand im Rahmen des Stipendiums das Filmwochenende an. Für mich war dies auf jeden Fall ein besonders interessanter Termin, insoweit als ich mit Video- und Medienkunst immer besonders wenig anfangen konnte. Das ist auch immer noch so, nichtsdestotrotz war es für mich aber ein lehrreiches und unterhaltsames Wochenende, zumal gesteigerte Verwirrung bekanntlich ja auch schon ein Schritt nach vorne ist.

Am Freitag Abend begegneten wir der englisch-deutschen Künstlerin Katja Davar, die uns einige ihrer Werke (Bleistiftarbeiten und Animationen), ihren künstlerischen Werdegang und grundsätzliche Ideen zu ihrer Kunstauffassung vorstellte. Ich erinnere mich an eine Art Teppich, der in einem zerstörten Stadion (für deren Architektur sie sich besonders interessiert) im Kreis herumwehte, einen weiteren Teppich, der durch eine endzeitliche Landschaft flog sowie einen abstrakten Satelliten, der herumwanderte und schließlich davonflog, außerdem noch eine längere Sequenz mit Quallen. Allein die technische Umsetzung war eindrucksvoll sowie auch ihre Erläuterungen zu den Werken und ihrer Deutung sehr aufschlussreich. Ich vermute, dass sie ihr Publikum auf mehreren Ebenen ansprechen will und der Deutungsspielraum auf jeden Fall gewollt ist.

Am nächsten Morgen konnten wir den Dialog mit Katja fortsetzen, und jetzt sollten wir auch selbst aktiv werden. Sie begann mit verschiedenen Kreativitätsübungen wie z.B. dem Erfinden einer Handlung zu zufällig zusammengestellten Comicbildern oder dem Zeichnen von ‚Storyboards’, d.h. hier aber die bildliche Darstellung von willkürlichen Szenen aus unserem Alltag der vergangenen Woche. Ich habe nicht richtig verstanden, weshalb wir das gemacht haben, und wäre stattdessen eher daran interessiert gewesen, wie sie etwa ‚richtige’ Storyboards zu ihren Animationsfilmen anfertigt, zumal wir unsere Zeichnungen nicht weiterverwendet haben und auch keiner wusste wozu wir das eigentlich machten. Es ging, denke ich, natürlich darum, das sie uns zwingen wollte, uns Gedanken zu machen über die Visualisierung von Ereignissen, Stimmungen und Gefühlen mit technischen Mitteln.

Anschließend bekamen wir gruppenweise unsere Kameras und sollten zur Übung einen kurzen Clip drehen, der ebenfalls auf unseren Alltag der letzten Tage Bezug nehmen sollte. Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich und rangierten vom Interview über ein Aufzugsgespräch bis hin zum Actiontrailer. Geeint hat uns jedenfalls der konkrete Inhalt und die direkte Darstellung, denn auf Schnitt, Tonbearbeitung usw. mussten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch verzichten.

Am Nachmittag begegneten wir Jörg Wagner, der etwas zu Film- und Schnitttechnik erklärte, danach aber sollten wir unsere Filmaufnahmen durchführen. Alle Gruppen hatten sehr verschiedene Ideen und verschwanden für die nächsten Stunden in der Stadt.

Gegen sieben kehrten wir ins Schloss zurück, wo uns ein ganz anderes Programm erwartete – einige McKinsey-Berater, unter anderem eine ehemalige Stipendiatin, waren zu Besuch und hatten dankenswerterweise ein üppiges Buffet und Dagmar Forelle, die Sponsoring-Verantwortliche der Berlinale, mitgebracht.

Es folgte eine Unternehmenspräsentation mit anschließender Fragestunde, vor allem mit Blick auf Pro Bono-Kulturprojekte. Das Ganze war auf jeden Fall interessant, dennoch denke ich, dass man in dieser Form auf den Recruiting-Programmpunkt hätte verzichten können, da sowieso alle von uns in anderem Rahmen schon einmal eine solche Präsentation erlebt haben. Stattdessen ist dann später aus Zeitmangel leider völlig untergegangen, in welcher Form McKinsey bei der Berlinale aktiv geworden ist und wo es hier Wechselwirkungen zwischen Kunst und kaufmännischer Herangehensweise gegeben hat.

Frau Forelle hat uns anschließend Einblicke in ihre Arbeit und das Sponsoringkonzept der Berlinale gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass sie eine sehr bestimmte Vorstellung vom Nutzern ihrer Wirtschaftspartner (Außendarstellung für Imagegewinn) hatte und deshalb Gunnars Idee, man könne ja auch ergänzend ein Forum zur Auseinandersetzung von Führungskräften der Sponsoren und Künstlern anbieten, nicht wirklich nachvollziehen konnte.

Anschließend haben wir uns in die Stadt verlegt und hatten noch lange Gelegenheit, mit den McKinsey-Vertretern über das Beraterleben und viele andere Dinge zu sprechen – gegen vier Uhr wurden die letzten von uns hinausgeworfen.

Am Sonntag stand der Filmschnitt sowie für einige noch die letzten Dreharbeiten an. Jörg erläuterte kurz die Möglichkeiten des Schnittprogramms und zeigte einige seiner eigenen Arbeiten (er selbst montiert in Szenen aus Hollywoodfilmen, Reisegeschichten seines Onkels als Ton hinter Szenen aus ‚Mad Max’).

Danach beschäftigten wir uns bis zum späten Nachmittag mit dem Schnitt der Filme und zeigten sie abschließend im Plenum. Das Feedback war eher durchwachsen, ich denke wir haben größtenteils den Geschmack der Künstler nicht getroffen, insoweit als wir zu konkrete, offensichtliche Inhalte darstellen wollten. Nur eine Gruppe (Hinunterlaufen einer Hochhaustreppe) konnte anscheinend wirklich mit ihrem Film überzeugen, und tatsächlich war dies auch der einzige Clip, der in Richtung abstrakter Videokunst ging und nicht wie bei anderen mehr oder weniger fernsehmäßig ausgearbeitet war. Auf jeden Fall gerechtfertigt war auch die Kritik z.B. an meiner Gruppe (deprimierende Straßenszenen aus Mannheim mit klassischer Musik hinterlegt), das wir nur ein bekanntes Motiv adaptiert und keine wirklich eigene Idee verfolgt hatten.

Dennoch waren meinem Empfinden nach die meisten von uns etwas irritiert, nachdem wir ja am Samstag Vormittag konkrete Übungen zum narrativen Filmen gemacht hatten. So hatten wir nun eben unsere etwas willkürlich konziperten Arbeiten fertiggestellt und stellten bloß im Nachhinein fest, wo wir uns geirrt hatten. Hier liegt für mich auch der wesentliche Unterschied zum Malereiwochenende, während dessen Carsten Fock ja ständig in den Prozess eingreifen konnte und für Hinweise verfügbar war.

Ich denke (zumindest für meine Gruppe), dass die Ergebnisse ganz anders ausgefallen wären, wenn wir die Arbeit strukturierter angegangen wären, z.B. mit einer allgemeineren Einführung zu dieser Art Videokunst und ihren Techniken als Grundlage für ein ausgearbeitetes Konzept, und erst dann mit dem Filmen und Schneiden begonnen hätten. So war es auf jeden Fall ein großer Spaß, selbst mit Kamera und Schnitt zu hantieren, aber auch eher improvisiert und willkürlich. Vielleicht war das ja aber auch gerade gewollt.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass für mich an diesem Wochenende der Enternainment-Faktor auf jeden Fall im Vordergrund gestanden hat. Trotzdem vermittelt das Selbermachen natürlich einen intensiven Eindruck und hat mein Interesse an der Medienkunst neu aufleben lassen.

 

Apollonia Goll: Protokoll zum Filmwochenende mit Katja Davar & Jörg Wagner

vom 4.-6.4.2008 im Mannheimer Schloss  oder: Das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen

Als Auftakt des Filmwochenendes, am Freitag Abend, trafen wir die Künstlerin (oder Grafikern, wie sie sich aus versicherungstechnischen Gründen manchmal lieber nennt) Katja Davar, ursprünglich aus England, seit einiger Zeit lebend und arbeitend in Köln. Sie zeigte uns ein großes Reportoir ihres Schaffensprozesses, bei dem sie sich einem breitem Spektrum an Themen und Techniken bedient. Von Gravitzeichnungen über Spray-Elemente, vorgezeichnete sehr detailliert genaue Fabrik-Stickereien bis hin zu Video Animationen. Teilweise sind ihre Werke überdimensional groß (bis zu 2,50 m breit, 1,90 m hoch), größtenteils schwarz weiß, teils aber auch grell bunt angefertigt. Bei Themen interessiert sie sich vor allem „für Dinge, die versagt haben, auf irgendeine Art und Weise“. Menschen kommen nur als Artefakte vor. Irgendwann entdeckte Katja Davar die runde Bildform und erkannte „wow, man muss nicht mehr an die Ecken denken, super“. Ihre in Loops laufenden Videos bestehen immer aus vorher angefertigten Zeichnungen, die sie technisch animiert. Musik legt sie niemals darüber, denn diese solle ganz alleine im Kopf dazu entstehen.

Nun hatten wir also eine Vorstellung von einer Videokunstform, die den meisten von uns wohl in dieser Form bisher noch nicht begegnet war. Wir waren gespannt in welcher Art und Weise wir die Videokunst an den kommenden zwei Tagen selbst aktiv umsetzen werden würden.

Der Samstag begann mit einem kleinen Kreativitätsprogramm zur Auflockerung und Anregung unserer Phantasie. Wir sollten versuchen unseren Ideen, Assoziationen, Stimmungen und Verbildlichungen freien Lauf zu lassen. Als ersten Schritt teilte Katja uns jeweils drei beliebig zusammnengeschnipselte Comic-Ausschnitte aus (Tik, Trick und Track- Szenen und Mangas), zu denen wir uns individuell eine oder auch mehrere Geschichten ausdenken sollten. Die Ergebnisse unsererseits waren teils sehr nah an den Comicabbildungen bis hin zu äußerst abstrakten Handlungen und Themen. Diese Aufgabe erfolgte teilweise schon mit dem Hintergrund, wie diese Ideen und Atmosphären filmisch umgesetzt werden könnten. Hier waren wir aber noch relativ hilflos und unsicher in unseren Umsetzungsvorschlägen.

Als zweiter Schritt erfolgte eine Gruppenübung, um die kreativitätsfördernde Wirkung der anderen Gruppenmitgliedern zu nutzen. Es wurden zufällig vier Gruppen gebildet. Die Aufgabe bestand darin individuell drei bis vier Zeichnungen anzufertigen von wichtigen Dingen, Gedanken, Emotionen etc., die uns die letzten drei Tage geprägt hatten. Nach einiger Zeit sollten diese dann den anderen Gruppenmitgliedern vorgestellt werden. Ziel war es aus denen dann bis zu zwölf entstandenen Zeichnungen eine Idee zu generieren, ein Konzept oder eine Handlung. Das wichtigste an diesem Prozess war das sieben, das auf andere zugehen, aber trotzdem noch seine eigenen Idee verteidigen, Abweicheungen zu akzeptieren, sich auf andere Idenn einlassen; ein Annäherungsprozess der am Ende zu einer gemein akzeptierten Lösung führen sollte. Schließlich war die Aufgabe diesen Entscheidungsprozess oder die kurze Idee filmisch festzuhalten. Endlich durfte das erste mal die Kamera in die Hand genommen und mit ihr experimentiert werden. So konnten wir entdecken, wie man mit ihr umgeht, wie hört sich Ton in welchen Räumlichkeiten an, wie kommt die Schärfe rüber, wie wirken die Lichtverhältnisse...etc., um ein Gefühl dafür zu bekommen, was in so kurzer Zeit möglich ist in der Kamera festzuhalten.

Nach einer erholsamen Mittagspause wurden dann nachmittags unsere Erstlingswerke gemeinsam vor der Gruppe präsentiert und besprochen. So bekamen wir kleine Hilfen von Katja angeboten und besprachen technische Patzer. Die vier Kurzfilme waren sehr unterschiedlich: eine Gruppe versuchte das typische, klischeehafte eines Video-Interviews überspitzt widerzugeben (ob gewollt oder natürlich so entstanden?!), eine andere ließ den typischen Donnerstag Abend und die darauffolgende Nacht und den Morgen im Schnelldurchlauf ablaufen, die dritte versuchte action durch eine mysteriöse Geschichte zusammenhängend mit unseren realen Vorbereitungen für dieses Wochenende darzustellen und bei der letzten konnte man leider auf Grund einer Aufnahme in einem sehr großen, hallenden Raum kaum ein Wort verstehen, allerdings war ihre Gruppensitzanordnung auf einer Treppe stilistisch sehr gelungen, wie Katja kommentierte.

Am Nachmittag erfolgte dann Schritt drei: unser „echtes“ Projekt begann. Die Gruppen sollten eine Idee bündeln, die in der kurzen Zeit des verbleibenden nachmittags und eventuell noch Sonntag vormittags mit den gegebenen Räumlichkeiten und dem Mannheimer Umfeld filmisch zusammengesammelt werden könnten, um genügend „Stoff“ für den darauffolgenden Schnitt am Sonntag zu haben, und das ganze auf anschauliche ca. fünf Minuten zu kürzen. Die Gruppen gingen auf ihre Mission, verteilten sich in der Stadt und Universität und fingen mit der Kamera ein, was sie für ihre Idee/Konzept passend hielten.

Ab Sonntag Abend mischte sich ein zweiter Künstler unter uns: Jörg Wagner, unser Schnittfachmann für Sonntag.

Hier wurde das Filmprogramm durch weitere externe Gäste weitergeführt: vier McKinseyaner (unter anderem eine ehemalige Bronnbacher Stipendiaten aus dem zweiten Jahrgang) und Frau Dagmar Forelle, mit unter anderem Sponsor-Verantwortliche der Berlinale, dem größten deutschen Filmfestival, und ehemals langjährige Assistentin von Wim Wenders.

Die Einführung von McKinsey glich einer Recruting Veranstaltung: Sie versuchten, sich durch Pro Bono Projekte (frei gestellte Arbeitsstunden für soziale, sportliche, künstlerische, kirchliche, etc. Projekte) und Diskussionen über Work-Life balance, Konkurrentenabgrenzung, Vereinbarung von Rationalität und Leidenschaft in möglichst guten Licht zu repräsentieren. Allerdings ist mein Eindruck, dass man eine wirkliche Vorstellung des Jobs eines Beraters letztendlich erst durch das „selbst erleben“ einschätzen kann.

Dagmar Forelle zeigte uns zwei Werbevideos zu den Filmfestspielen, berichtete kurz über die Zusammenarbeit mit McKinsey und erzählte allgemein über das Sponsoringskonzept bei der Berlinale.

Eine gute Anmerkung eines Stipendiaten, die Idee des Bronnbachers auf der Berlinale fortzutragen, indem Wirtschaftstätige, eventuell von außen geglaubte „stromlinienförmige“ Sponsoring-Aktive auch die Chance gegeben wird hinter die Kulissen des Filmfestivals zu schauen und mit den kreativen Filmschaffenden in Kontakt zu treten, dadurch mehr Verständnis, einen erweiterten Horizont und weiterhin Interesse zu bekommen, wurde von Frau Forelle leider nur sehr schwer verstanden, konnte in Nachgesprächen dann aber vielleicht doch noch geklärt werden.

Anschließend konnte man sich noch in lockerer Atmosphäre in der Stadt mit den Beratern und den anderen Anwesenden über die Erlebnisse dieses Tages und darüber hinaus austauschen.

 

Nach teils McKinseyanischer langer Nacht versammelten wir uns Sonntag früh wieder um weiter an unseren Filmen zu arbeiten. Ein paar Gruppen zogen nochmals los, um in der Nacht gesammelte Ideen in der Kamera zu sammeln, andere fingen bereits mit dem schneiden an.

Jörg Wagner stellte sich kurz vor und zeigte uns einige Film- aber auch andere Kunstprojekte, die er in Museen ausgestellt hatte. Der gebürtige Schwabe studierte nach Schulabbruch mit 16, versuchtem und gescheitertem Künstler dasein, Hausbesetzung in Schorndorf, schwerem Unfall, danach aber dann nachgeholtes Abitur in Braunschweig, Bildhauerei und wechselte später nach Düsseldorf. Er. erkannte dass es als Künstler einfacher ist in diesem Netzwerk, in dieser Förderung durch den „Meister“, in dem freien Schaffen in diesen fünf Jahren Studium.

Eine interessante beeindruckende Technik von Jörg blieb mir im Kopf: mit Lichtpapier stellte er Negtivabdrücke im positiven Raum dar, so z.B. sein altes Jugendzimmer in Echtgröße. Dieser Raum war betretbar und wirkte trotz „“Leere“ wie ein möbeliertes, zwar eher puristisch kühles aber dennoch lebendiges, möbeliertes Zimmer. Ein anderes Projekt waren verschiedene kleine Räume in denen Film und Akustik genossen werden konnten, anmutend wie kleine U-boote. Durch die Abbildungen bekam man Lust diese Objekte zu betreten, anzufassen und zu erfahren. Seine Erfahrung der Hausbesetzungszeit setzte er ebenfalls in einem Werk um: eine Wandinstallation mit Audiokommentar und Bildband zusammen mit seinem „VWLer Freund“ aus alten Zeiten, wie er uns erzählte.

Jörg wies uns schließlich in das verblüffend einfache iMovie Filmprogramm ein: wie schneide ich, welche Effekte sind möglich, wie kann ich die Übergänge gestalten, etc..

Und nun wurde geschnitten, was einige Zeit in Anspruch nahm, und auch noch einige mehr in Anspruch hätte nehmen können, wie Jörg sagte: „ der Schnitt kann teilweise Neurodermitis erzeugen, schlaflose Nächte bereiten, einen Perfektionisten in den Wahnsinn treiben...“, und ja, das konnten einige von uns am Ende nachvollziehen und bestätigen.

Am Spätnachmittag war die Zeit leider um, und unsere Werke wurden präsentiert.

Jeder Film hatte auf seine eigene Art und Weise eine unglaubliche Aussagekraft, und lebte von formalen Bildgefügen, besonderen Ausschnitten, Zitaten von Mannheimer Passanten, Geräuschen, bewegenden Kuscheltieren im Großstadtdschungel, allwöchentliche Mannheimer Donnerstage, anstrengende Promenaden und verlorene Städter.

Durch die kritischen, wertvollen Kommentare von Jörg und Katja wurde uns vermittelt, dass es manchmal wichtig ist, den Mut zu haben Ausschnitte, Szenen oder Ideen eher wegzulassen, wie beispielsweise die Kombination von eigenem Film und mainstream Musikstück, und sattdessen besser einer konkreten, spezifischen Idee folgen solle, auf das Wesentliche konzentrieren und unserer eigenen Idee glauben schenken sollten.

Es war interessant hier die verschiedenen Perspektiven von uns Filmneulingen und den Filmerfahrenen zu sehen, die teils aufeinanderprallten. Was ist schön? Muss Kunst schön sein? Welche Aussage soll durch ein Kunstwerk transportiert werden?

Weniger ist manchmal mehr.

 

Dieses Wochenende war mit sehr viel Freude, ein Herantasten ans Filmen, vielen Rück- und Fortschritten und vielen vom Film auf das leben übertragbaren Lebensweisheiten verbunden.

Wieder einmal eine rundum phantastische wertvolle Bronnbacher Erfahrung!

Und einmal mehr (nach dem Malereiwochenende bei Carsten Fock) wurden aus uns „stromlinienförmigen“ (Zitat dieses Wochenendes) Mannheimer Studierenden kleine Künstler/innen.

 

 

Protokoll zum Malerei-Workshop mit Carsten Fock: Von Gunnar Ullrich und Christoph Balzer

Wir begannen das Malereiwochenende mit Carsten Fock am Samstag mit der individuellen Vorstellung eines Lieds mit emotionalem Bezug, genau: einem Lied, dass in einer schwierigen Zeit geholfen hat. Diese Einführungsrunde war dazu gedacht eine positive Grundstimmung für den anschließenden Malprozess zu schaffen, der dann anschließend mit dem Bau der Rahmen und dem bespannen der Leinwände direkt begonnen wurde. Das war Carsten Fock auch insbesondere unter dem Aspekt wichtig, uns einen vollständigen Einblick in die Arbeit eines Malers zu geben. Anschließend wurde uns dann das Thema vorgestellt, dass auch zunächst für Verwirrung sorgte: Mit Bezug zu dem vorgestellten Lied sollten wir ein Selbstportrait umsetzen. Dann erst einmal uns selbst überlassen, ging es am späten Samstagnachmittag los mit dem eigentlichen Malen. Nachdem der Tag dann in einem Mannheimer Club ausgeklungen war, ging es am Sonntag richtig zur Sache. Bis zur Mittagspause wurde dann noch alles was geht aus den Bildern herausgeholt; der Nachmittag anschließend für eine Besprechung der beiden Tage sowie auch zum Teil der Bilder genutzt.

Carsten Fock hat uns über die beiden Tage begleitet, stand als Ideengeber, kritischer Betrachter, und Lehrer zur Seite. Er gab die Struktur des zweitägigen Workshops vor und begleitete den gesamten Prozess mit ausgesprochener Herzlichkeit. Er trat auf als Ideengeber, Lehrer, Kritiker und Provokateur zugleich.

Interessant waren zudem die vielen Einblicke in sein Leben als Künstler: Das stetige Auf und Ab, der Findungsprozess hin zu einem ganz bestimmten Stil (dessen Ende er nach eigener Aussage noch nicht erreicht hat), die Probleme mit dem eigenen Werk umzugehen, aber auch ganz alltägliche, praktische Dinge, z.B. Rechnungen bei Friseur und Zahnarzt mit Kunstwerken zu begleichen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wir alle eine besondere, ungewohnte und aktive Zeit erlebten. Die Stimmung war dabei durchweg wunderbar, sichtlich hat uns der gesamte Prozess große Freude bereitet. Spannend war es zu sehen, wie unterschiedlich die Malereilehrlinge an ihr Werk herantraten und wie jeder einzelne eine ganz eigene Beziehung, ja einen gewissen Stolz zu seinem Werk entwickelte. So unterschiedlich die Herangehensweisen, so mannigfaltig die Resultate. Und es war kein Bild dabei, was nicht auf seine Weise begeistert hat.

 

 

Protokoll des Treffens mit Henrik Schrat von Gunnar Ullrich

Mit Henrik Schrat hatten wir Gelegenheit einen unwahrscheinlich spannenden, offenen und modernen Künstler kennen zu lernen. Das Treffen mit ihm war durch eine angenehm flexible Struktur geprägt, was es uns erlaubt hat viel über ihn aber auch über das Thema der visuellen Kommunikation zu lernen und zu erleben.

Worum es ging: Zunächst einmal darum den Künstler Henrik Schrat kennen zu lernen. Damit einen Künstler, der dem Wirtschaftsbetrieb in verschiedener Form schon begegnet bzw. auch "entgegengetreten" ist (dazu später mehr…). Dann ging es weiter zu einer Kritik bezüglich des nicht immer zweckmäßigen Einsatzes von Präsentationsprogrammen (meist PowerPoint). Diese hätte in ähnlicher Form auch von Gene Zelazny gehalten sein können. Zumindest bezüglich der Analyse; nur hätte er wahrscheinlich andere Schlüsse daraus gezogen. Und letztlich ging es darum, sich mit dem Isenheimer Altar ("einem der ältesten Corporate Images") auseinanderzusetzen und davon ausgehend selber künstlerisch aktiv zu werden. Und insbesondere den Einsatz von Bildern/Comics und deren großer – und überraschend unmissverständlicher – Aussagekraft zu verstehen.

Wie Bonbonpapier die Börse eroberte

Vor allen Dingen mit einem Projekt gab uns Henrik Schrat einen Einblick in seinen Schaffensprozess: "Die Erscheinung der Phantasie" im Großen Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse (2000). Besonders spannend war es hier die Herangehensweise von Henrik Schrat zu verstehen. Wie er sich zunächst akribisch durch Interviews mit verschiedensten Akteuren der Börse selbst ein Bild von den dortigen Geschehnissen/vom Selbstverständnis gemacht hat. Wie er das ganze dann in einem gewaltigen Werk in der Börse (in Kooperation mit unendlich vielen Bonbon Liebhabern) und zusätzlich durch einen Comic umgesetzt hat. Schön war es hier auch zu sehen, wie die beiden Welten Kunst und Wirtschaft aufeinander getroffen und dann miteinander umgegangen sind. Auch wie die Interaktion zwischen Förderer und Künstler ablief. Wie die Ziele des einen und das Unabhängigkeitsverständnis des anderen auseinander gehen und trotzdem wieder zusammenfinden können.

Sich sinnvoll mit PowerPoint ausdrücken

Bezüglich des Einsatzes von PowerPoint hat Henrik Schrat mit ein paar Folien, die bei der Entwicklung des Spaceshuttles "Challenger" zum Einsatz kamen, deutlich gemacht, wie sehr es auf eine sinnvolle Darstellung von Aussagen und nicht eine reine Ansammlung von Fakten ankommt. Er hat schön veranschaulicht, dass Präsentationsprogramme allein kein Allheilmittel sind, und dass erst der sinnvolle Einsatz diese zu einem mächtigen Werkzeug macht. Henrik Schrat hat dabei hervorgehoben, dass bei der Simplifizierung von Daten/Aussagen/… auch immer etwas verloren geht. Und manchmal eben mit verheerenden Konsequenzen.

Isenheimer Altar als "Corporate Image"

Den Isenheimer Altar (heute in Colmar) aus dem 16. Jahrhundert von Matthias Grünewald wurde uns durch eine systematische Vorstellung der verschiedenen Bildebenen näher gebracht. Dabei hat Henrik Schrat das Werk als "Bild einer Organisation, die mit einer Krise konfrontiert ist" vorgestellt. Henrik Schrat hat dabei immer wieder deutlich machen können, dass auch über einen 500jährigen Zeitraum Organisationen einander ähneln. Ein weiterer Gedanke war, dass das Werk eine Menge zuließe, aber dennoch Struktur hat. Interessant war auch der Aspekt der Farbwahl. Hier wurde deutlich wie ein Hintergrundwissen dabei helfen kann, ein Werk zu "lesen". Und wie es einem damit auch gelingen kann immer tiefer einzudringen.

Mit Bildern Geschichte schreiben

Zuletzt wurden wir dann noch selber aktiv. Mit gedruckten Bildern vom Isenheimer Altar haben wir in einer Collage Situationen aus dem Unternehmensalltag erzählt. Dabei gab es vor allem zwei spannende Elemente. Das gemeinsame Schaffen eines Kunstwerks im Team sowie die gegenseitige Interpretation der Werke. Insbesondere war es erstaunlich festzustellen, was in so kurzer Zeit erreicht werden kann und wie gut es einem gelingt Bilder zu entschlüsseln.

 

Protokoll zum Theater-Wochenende in München von Hannes Gurzki

„ Es muss etwas kosten, um kostbar zu sein.“

Sie steht in einem Lichtkegel und schaut jeden einzelnen von uns an, als wir an Ihr vorbei laufen und uns zu unseren Plätzen begeben. Wir setzen uns in eine der hinteren Reihen und warten. Es ist ein komisches Gefühl der Ungewissheit, was unsere Gruppe der Bronnbacher Stipendiaten in den nächsten anderthalb Stunden erwarten wird und den Beginn des Theaterwochenendes in München einleitet.

Nach dieser ungewohnten Stille geht die Tür zu und das Stück beginnt. Ein Musiker spielt im Disco-Stil ein Lied, zu dem er fast schon mechanisch sein Körpergewicht vom Linken auf den rechten Fuß wechselt. Die Schiebetür in der kargen Kulisse der Werkhalle geht auf und die vier Akteure setzen sich auf einen weißen Quader. Sie erzählen dem Publikum, dass Liljas Eltern nach Amerika gehen, ihr Freund Volodja bleibt. Eine der Personen beschreibt in wenigen Sätzen, was in den Plattenbauten der ehemaligen Sowjetunion passiert, in der das Stück spielt - Sie konfrontiert uns mit dem Geschehen: Wir erfahren von einer 16-jährigen, die nach dem Verlassen durch die Mutter nun von Ihrer Tante bevormundet wird. Zuerst verliert sie Ihre Wohnung, dann Ihr Geld. Sie verkauft Ihren Körper, um überleben zu können. In komplexen Handlungssträngen, in denen die Figuren und Thematiken ständig wechseln, führen uns die Schauspieler, mit Ihren beeindruckenden spielerischen Qualitäten, in eine „sozial erkaltete, desillusionierende Welt.“ Es knallt. Die Emotionen lassen sich deutlich spüren. „Es muss etwas kosten, um kostbar zu sein“, wird uns der Regisseur Roger Vontobel am nächsten Tag im Gespräch erzählen. Er möchte die Gefühle der Figuren verdeutlichen, indem die Schauspieler diese erleben – nur dann sei es authentisch. Daniela Britt, in der Rolle der Lilja zieht sich vor dem Publikum aus.

Wir erleben das Schicksal von Lilja, deren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nach und nach niedergeschmettert werden. Kurz vor Ende des Stückes bekommt sie in einer merkwürdigen Begegnung die Möglichkeit auf Arbeit in Schweden, mit einem neuen Pass. Doch statt einem neuen Anfang verliert sie Ihre Identität und ihren vermutlich einzigen Freund Volodja, der sich das Leben nimmt. Vieles hätte anders sein können, war es aber nicht. Hier endet das Stück, wieder mit einer Stille, die durch Applaus abgelöst wird.

„Es muss wehtun und wir müssen es aushalten, können nichts dagegen tun“, sagt Vontobel in unserem Workshop am Samstagmorgen. Durch seine Erzählungen verstehe ich immer besser die Hintergründe des Regisseurs und warum seine Inszenierung dieses modernen Stücks so erschreckend authentisch gewirkt hat. Der Sohn eines Unternehmensberaters hat nach seinem abgebrochenen Physikstudium in London seine Faszination für das Theater entdeckt, war an verschiedenen Schauspielschulen, u.a. in New York. Danach hat er in den USA seine Karriere als Mitglied eines Ensembles begonnen. „Die Herstellung von Figuren ist wiederholbar und rekonstruierbar“, so beschreibt er die Group Actors Method mit der Vontobel uns vertraut macht. „Die Figur kann entweder auf die Bühne kommen und das Glas auf dem Tisch nehmen - oder sie kommt auf die Bühne und sucht. Sie hat Durst, also nimmt sie sich ein Glas, die löst Probleme.“ Die Kontrolle über die Kreativität bleibt damit beim Schauspieler, es ist ein Spiel mit dem Geheimnis. Wir wollen wissen wie wir diese Technik erlernen können.

„Du lachst!“ – „Du lachst!“ Michael und ich sitzen uns auf zwei Stühlen gegenüber. Jeder soll beschreiben, was er am anderen sieht, ohne eine Wertung vorzunehmen. Der Andere wiederholt dies immer abwechselnd, bis einer der beiden etwas Neues bemerkt. Ziel ist es, ohne zu überlegen auf den anderen reagieren zu können und dadurch die Situation in der Rolle des Schauspielers als Mensch auf der Bühne zu nutzen. Es soll Natürlich sein, wie im Leben – wie Vontobel sagt: „Ohne Leben gibt es kein Theater.“

Am Samstagnachmittag treffen wir uns mit Malte Jelden, einem Dramaturg der Münchener Kammerspiele und Frank Baumbacher, dem Intendanten. Zuerst zeigt uns der Dramaturg das Theater und was dazu gehört: Die Werkstätten mit Schreinerei und Tapeziererei, die Requisite, die Künstlergarderoben und die Bühne. Danach diskutieren wir mit den beiden über das Theater und dessen Zukunft. „Es gibt im Theater keine festen Regeln, nur Gewohnheiten“, meint Frank Baumbacher. „Das Theater soll Grenzen überschreiten und dadurch neue Impulse setzen“. Er erzählt uns über seine Vita, die Geschichte der Kammerspiele und diverse Managementfragen: Wie soll das Profil des Theaters aussehen? Wie wird der Spielplan gestaltet? Wie funktioniert die Förderung durch die öffentliche Hand? Das Zusammenspiel von Kultur und Wirtschaft scheint hier selbstverständlich. Bestätigt wird uns dies durch Frau von Unruh von der Deutschen Bank in München, mit der wir uns am Sonntag über Ihr Engagement bei den Kammerspielen unterhalten. Sie ist Abteilungsleiterin im Bereich Capital Market Sales in Bayern und Schatzmeisterin des Fördervereins der Münchner Kammerspiele.

Am Sonntagmorgen treffen wir uns mit Theaterkritiker Christopher Schmidt in den Büroräumen von Christian Jacobs. Er gilt als einer der bedeutendsten Theaterkritiker Deutschlands und schreibt für die Süddeutsche Zeitung. Seine Aufgabe als Kritiker sieht er nicht in einer Bevormundung des Publikums, sondern in einer Strukturierung aus der Fülle an Informationen. „Die Grundlage der Erkenntnis ist der Vergleich. Ich möchte den Zuschauern und den Theatern ein Feedback geben und mit Ihnen in Dialog treten“, sagt der Kritiker. Nicht zuletzt sei auch die Kritik eine Art der Kunstform, mit der er auch die Leser überzeugen müsse. „Eine Kritik ist kein ewig gültiger Text. Sie ist eine Momentaufnahme.“

Ein weiteres „kulturelles“ Highlight des Wochenendes: Der Besuch des Augustiner Brauhauses. Hier durften wir, versorgt mit Schweinshaxen und gefüllten Maß-Krügen, den DFB-Pokal Sieg des heimischen FC Bayern miterleben, der Dank einer spannenden Inszenierung durch das Dortmunder Tor in der Nachspielzeit allen Zuschauern und Akteuren noch weitere 30 Minuten Spannung bescherte. Und Roger Vontobels Ansicht für Theater könnte hier genauso gut für die Borussia aus Dortmund gegolten haben: „Kunst ist die volle Investition in einen Prozess, auch wenn im Endeffekt kein zählbares Ergebnis dabei rauskommt.“

 

Protokoll zum Treffen mit Till Velten von Julia Tellmann

Als frisch gebackener Jahrgang 07/08 des Bronnbacher Stipendiums gingen wir direkt bei unserem ersten Programmpunkt am Einführungswochenende in die Vollen. Im schönen Kloster Bronnbach angekommen, fanden wir uns am Abend in den alten Gemäuern zusammen, um über DAS Thema zu diskutieren, welches uns die nächsten Monate intensiv und facettenreich beschäftigen sollte – "Das Verhältnis von Kunst zu Wirtschaft bzw. von Wirtschaft zu Kunst". Stargast des Abends und auch des nächsten morgens war (neben Annerose Müller und Christian Jacobs natürlich) der Künstler Till Velten. Schon im Vorfeld regte sein Besuch zu Diskussionen an. Liebenswerterweise hatte Christian Jakobs jedem von uns vorab zur Vorbereitung ein Buch des ehemaligen Schüler Gerhard Richters als Geschenk zukommen lassen. Inhalt: Gespräche mit den verschiedensten Leuten – mit Theologen, Pizzabäckern, Wissenschaftlern usw. über die kleinen und großen Fragen des Lebens. " Und das soll jetzt Kunst sein?" fragte sich der eine oder andere – mich eingeschlossen. Gleich zu Beginn des Stipendiums ein ganz schöner "Brocken" für uns Neulinge auf dem Gebiet der Kunst. Dementsprechend ging es direkt in der Gesprächsrunde am Freitagabend heiß her. Jeglicher Versuch eine Reihenfolge bei den Meldungen, Fragen und Kommentaren bei uns Stipendiaten einzuhalten, scheiterte. Zu erhitzt waren die Gemüter bei dem Versuch nachzuvollziehen, was eigentlich Kunst ist und was einen Künstler wie Till Velten an- und umtreibt. Tapfer stellte sich Herr Velten dem Kreuzverhör. Er versuchte uns zu erklären, wie er an den Kunstschaffungsprozess herangeht und warum er für seine Kunst das Gespräch als zentrale Ausdrucksform gewählt hat. Zunächst einmal stellte er klar, dass jeder Künstler von Anfang an auf der Suche nach seinem eigenen Stil ist - weshalb es ihm wahrscheinlich auch missfiel, nach seinem Verhältnis zu Gerhard Richter gefragt zu werden. Die Gespräche, die er zu seiner Kunst macht, rühren aus seiner geradezu kindlichen Neugier gegenüber Menschen, alltäglichen Dingen und Absonderlichkeiten, die ihn dazu bewegen sich mit diesen näher zu beschäftigen. ("Wer hat eigentlich diesen furchtbaren Kronleuchter an die Wand gehängt? Und warum?") Diese Unterhaltungen mit Menschen sind aber erst der Anfang auf dem Weg hin zu einem Gesamtkunstwerk. Durch z.B. unterschiedliche Vertonungen und Präsentationsweisen rückt er die Inhalte der Gespräche später in unterschiedliche Perspektiven. Bei seinen Gesprächen geht er zunächst – laut eigenen Beteuerung – völlig objektiv vor. Zwar hat er im Vorfeld eine grobe Vorstellung bezüglich seines Fragenkatalogs, jedoch lässt er dem Gespräch bzw. seinem Gesprächspartner freien Lauf und bewertet das Gesagte nicht. Überzeugt war er auch davon, dass insbesondere Gespräche sich für seine Art Kunst zu schaffen, eignen, da Wörter bzw. Begriffe unmissverständlich seien, ja sogar "von jedem Menschen gleich wahrgenommen werden". Es ist anzumerken, dass an dieser Stelle die Aufregung unter uns Stipendiaten besonders groß war und seine Aussagen zum Anspruch von Objektivität zu allerlei Diskussionen führten. Umso mehr, als Till Velten zu einem späteren Zeitpunkt auf einmal folgenden Standpunkt zur Objektivität vertrat: "Objektivität ist ein fatales Konstrukt, das es nicht gibt." Verwirrung machte sich unter uns breit. Vielleicht war sie von Till Velten absichtlich, ganz im Sinne einer künstlerischen Attitüde, provoziert worden, vielleicht hat er aber auch nur nach einer Laune einmal dieses, einmal jenes behauptet. Wie dem auch sei, unglaubwürdig schien Till Velten aber zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil - er war unglaublich offen und hat viel von sich Preis gegeben und sehr ernst und nachdenklich auf unsere Fragen geantwortet.

Neben seiner eigenen Arbeit als Künstler hat Till Velten auch mit uns allgemein über die wirtschaftlichen Aspekte von Kunst gesprochen. Erstaunlich war seine Aussage, dass die Arbeit eines Künstlers zu einem großen Teil aus finanziellen Kalkulationen besteht, da Räume und Installationen entscheidend vom verfügbaren Geld abhingen. Hinzu kommen sehr viele nüchterne organisatorische Dinge, die alle Bestandteil des Künstleralltags seien. Sollte es etwa so sein, dass die Arbeit eines Künstlers gar nicht so weit von der eines Betriebswirtschaftlers entfernt ist?

Unsere Runde am Freitagabend endete spät und mit einem Haufen neuer Eindrücke und viel Wein. Beides mussten wir bis zum nächsten morgen sacken lassen. Für die Fortsetzung am nächsten Vormittag hatte sich Christian Jakobs überlegt, die große Runde zunächst in kleine Gruppen einzuteilen, um so für mehr Ruhe als am Vorabend zu sorgen und jedem die Chance zu geben, sich mitzuteilen. Jede Gruppe sollte zunächst für sich selbst im Gespräch herausfinden, was sie unter Kunst uns Kultur versteht und was sie sich von dem Stipendium erwartet. Dabei entstand eine wirklich sehr nette Atmosphäre. Später sind wir dann wieder zusammengekommen und haben - wesentlich gesitteter als am Vorabend, aber auch mit klareren Gedanken, unsere Eindrücke zusammengetragen und zusammen mit Till Velten besprochen.

Insgesamt war das Treffen mit Till Velten ein starker Auftakt zu unserem Stipendium. Nun ist schon einige Zeit seit diesem Treffen vergangen, und rückblickend betrachtet, kommt mir unsere "Herangehensweise" im Gespräch mit Till Velten geradezu dilettantisch vor. Wir wollten auf alles eine klare und deutliche Antwort bekommen, haben die Fragen kreuz und quer gestellt, nichts einfach nur mal hingenommen. Ich glaube wir haben seit diesem Auftaktwochenende einiges hinzugelernt. Und Konstantin, du hast es damals schon vorausgesehen und beschwichtigend gemeint, dass sich die anfängliche Aufregung irgendwann legen wird und uns Dinge klarer werden, wenn wir mit weiteren Künstlern sprechen. In der Tat, ich habe den Eindruck, wir sind "gelassener" geworden! Ich würde mich daher sehr freuen, Till Velten bald wieder treffen zu können. Unsere Fragen hätten heute sicherlich eine andere Qualität…

 

Heiner Goebbels "Stifters Dinge": Von Lydia Gaukler

Mit Heiner Goebbels hatten wir Gelegenheit einen unwahrscheinlich vielseitigen Künstler zu treffen. So ist Heiner Goebbels Musiker, Komponist, Hörspielautor, Regisseur und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Als stark nachgefragter und sehr beschäftigter Künstler war es durchaus eine Ehre, bei seiner Generalprobe dabei zu sein. Und trotz seiner Erkältung nahm er sich die Zeit, mit uns sein Stück zu diskutieren. Die Diskussion drehte sich um zwei große Bereiche, die man vielleicht grob mit den Begriffen ideeller, kreativer Motivation und konkret-technischer Realisierung/Schöpfungsprozess umschreiben könnte. Mich interessierte vor allem der erstere Teil, weswegen man dem Protokoll wohl durchaus Einseitigkeit vorwerfen kann (aber es darf ja subjektiv sein).

Stifters Dinge ist kein Theaterstück im üblichen, konventionellen Sinne. Es kommt ohne Schauspieler aus. Stattdessen stehen Gegenstände (oder sind es Dinge?) im Zentrum: Wasserbecken, Steine, Nebel, Trockeneis, Klaviere, Videoprojektionen. Es ist ein Zusammenspiel aus Licht und Ton, aus Stimmen, vertrauten und fremden Tönen, bekannten und unbekannten Bildern. Goebbels selbst bezeichnet sein Werk auch als performative Installation und nicht als Theaterstück. Es ist eine Einladung zum Hören, Sehen, Meditieren und Nachdenken. Es ist eine Reise in die eigene Wahrnehmung. Und es ist eine Herausforderung. So mag Stifters Dinge das Publikum zunächst vielleicht überfordern. Zumindest mir ging es so. Bis man sich auf das Stück einlässt und es erst einmal auf sich wirken lässt. Goebbels Motivation lag darin, die Grenzen des Theaters zu hinterfragen und sie vielleicht zu überschreiten. Schon früher wollte er wissen, wie weit man mit der Abwesenheit gehen und dennoch die Imagination anregen kann. So bespielte er in früheren Stücken häufig nur den Randbereich der Bühne – das Zentrum blieb leer. Stifters Dinge nun geht noch einen Schritt weiter und kommt ganz ohne Schauspieler aus. Der Titel des Werks spielt zwar auf den österreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter an doch steht dieser keineswegs im Mittelpunkt des Stücks. Es geht ihm nicht um die Inszenierung eines Stifter-Textes, auch wenn eine längere Passage zitiert wird. Vielmehr geht es Goebbels um Themen wie Ökologie und Ethnologie, um den Umgang mit Fremdem und Vertrautem. Stifters Dinge eröffnet Räume der Reflexion und lädt dazu ein, über die eigene Wahrnehmung nachzudenken.

Goebbels schafft Leerstellen und damit den Anreiz und Spielraum für den Zuschauer, die Leerstellen selbst zu überbrücken. Er liefert ein Angebot an Fragmenten, eine Vielfalt an visuellen und akustischen Eindrücken, die nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen müssen. Da Goebbels Narrativität hinterfragt, will das Stück keine Geschichte erzählen. Zirkularität tritt an Stelle von Linearität, Brüche und Trennungen lösen Logik ab. Und dennoch erzählt Stifters Dinge eine Geschichte. Es macht etwas mit dem Zuschauer, das andere Stücke weniger machen. Es regt viel stärker zum Reflektieren und zum Darüber-Sprechen ein, gerade weil es Vertrautes verfremdet und uns Fremdes näher bringt. Eine wunderbare Erfahrung.

Schirn-Kunsthalle "Kunstmaschinen – Maschinenkunst"

Als nächstes besuchten wir die Ausstellung Kunstmaschinen – Maschinenkunst und hatten Gelegenheit, uns mit der Kuratorin Katharina Dohm zu unterhalten. Wie auch Goebbels mit Stifters Dinge wirft die Ausstellung die Frage auf, was passiert, wenn der Mensch zurücktritt und sein Schaffen von Maschinen übernommen wird. Was in Stifters Dinge der Verzicht auf menschliche Schauspieler, ist in Kunstmaschinen – Maschinenkunst der Verzicht auf menschliche Überwachung: der Künstler gibt die Kontrolle an die Maschine ab und überlässt es (zumindest teilweise) dem Zufall, was für Werke entstehen.

Die Ausstellung geht somit der Frage nach, was passiert, wenn Maschinen Kunst erzeugen. Alle ausgestellten Werke zeichnen sich dadurch aus, dass zwischen den Künstler und sein Kunstwerk eine Maschine geschaltet ist. Kunstmaschinen – Maschinenkunst basiert auf den Méta-Matics von Jean Tinguely. Dieser entwickelte bereits in den 50er Jahren Zeichenmaschinen, die häufig aus Schrottteilen zusammengebaut waren. Mit seinen Méta-Matics stellte er erstmals die Frage, welche Konsequenzen sich für die Originalität und Einzigartigkeit des Kunstwerks ergeben, wenn nicht der Künstler selbst, sondern eine Maschine der eigentliche Schöpfer des Werkes ist. Die Exponate der Ausstellung gehen jedoch häufig noch einen Schritt weiter. So thematisiert ein Werk ökologische Fragen, indem es den Zyklus der Glasherstellung bzw. -verwendung nachbildet. Ein anderes hinterfragt die Malerei, indem durch eine dreidimensionale Skulptur quasi als Abfallprodukt ein Wandgemälde zufällig entsteht.

Die Ausstellung ist faszinierend und weckt Interesse auf Mehr. Sie kommt ganz ohne Erklärungen aus; die Kunstwerke sollen sich dem Betrachter selbst erschließen. Und sie tun dies auf eine ganz unaufdringliche Art. Der Besucher wird miteinbezogen: er darf sich selbst als Künstler versuchen und die Maschinen bedienen. Doch ist er deswegen ein Künstler? Ist das Ergebnis Kunst? Ein bloßes Produkt der Technik? Die Antworten muss jeder für sich selbst finden. Nur eines ist sicher: Die Maschine kann zwar ohne die Anwesenheit des Künstlers produzieren, doch existieren könnte sie nicht. Sie ist und bleibt also auf die kreative Idee ihres Schöpfers angewiesen.

Gespräch mit Christian Strenger

Zuletzt hatten wir die Möglichkeit, in einem Gespräch mit Christian Strenger das Verhältnis von Kunst und Wirtschaft näher zu beleuchten. Herr Strenger kennt beide Seiten. Als Vorstandsvorsitzender der SchirnFreunde weiß er um die Problematik, genügend Fördergelder für die 8 bis 10 Ausstellungen pro Jahr eintreiben zu müssen. Als Wirtschaftskenner kennt er jedoch auch die Gegenseite und kennt die Bedeutung von Kunst- und Kultursponsoring für die Unternehmen. Herr Strenger ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Leider war die Zeit am Ende zu knapp bemessen, um neben seinen doch sehr langen Monologen Zeit zum diskutieren zu haben. So konnte er uns durchaus, wie ich finde, einen ersten Einblick in die komplexen Zusammenhänge vermitteln. Schade nur, dass er den wirklich brenzligen Fragen häufig auswich oder ins Allgemeine verfiel. Doch werden wir mit Sicherheit noch einmal Gelegenheit haben, dieses Thema ein wenig ausführlicher zu besprechen.

 

Protokoll zum Einführungswochenende von Michael Bremert

Der Beginn

Eine weite Anfahrt aus vielen unterschiedlichen Richtungen; ein Kloster, ein Fluss und sonst nicht viel; eine überraschend luxuriöse Unterkunft; eine interessante Runde mit Konstantin in der Mitte; ein Kreuzgang als Startpunkt unseres gemeinsamen Stipendienjahres.

Freitagabend

Was hätte steif oder gezwungen werden können – das Sich-Vorstellen, die Podiums-Frage-und-Antwort-Runde – entpuppte sich als gelungener erster Abend. Till Velten wird vielen lange in Erinnerung bleiben. Ein Künstler, der eigentlich Interviews macht. Macht so etwas nicht eher ein Journalist und warum macht er so ungewöhnliche Interviews? Warum werfen seine Antworten mehr Fragen auf, als sie beantworten? Stefano Simone, Ex-Bronnbacher, der vom Bronnbacher Fieber sprach, das ihn stets nach seinen Wochenenden mit dem Stipendium für einige Tage begleitet hatte. Wein aus bauchigen Flaschen, der die Runde in den späten Abend begleitete.

Samstagvormittag

Christian Jacobs. Ein Unternehmer und Kunstförderer; engagiert sich im Kulturkreis und auch für das Stipendium. Was ist Kunst eigentlich? Das kunstvolle Beherrschen einer Technik, das Aufwerfen von Fragen, das Umsetzen von Ideen, der Dialog mit der Kunsthistorie oder von allem etwas? Wieder einmal ein Till Velten in seiner Fragen aufwerfenden Art.

Samstagnachmittag

Matthias Winzen, Kunstkritiker, Professor, ehemaliger Leiter einer Kunsthalle und Entfacher einer regen Diskussion in unserer Runde. Was wollen und können Skulpturen uns sagen? Wozu ist Bildhauerei da? Was ist ein gutes Kunstwerk, woran erkennt man es und was ist es wert? Interessanterweise ist uns gerade dieser "Akademiker", der uns sicher näher ist als Till, Marc oder Sven, fremd geblieben. Bewegt haben mich die vielen Beispiele von Kunstwerken, in denen man die von ihm vorgestellten Motive erkennen konnte. Sein Vortrag hat mich zum ersten Mal im Stipendium erahnen lassen, dass sich Motive von Kunstwerken bisweilen in ganz anderen thematischen Sphären abspielen, als man naiv erahnen würde.

Samstagabend

Marc Awolin und Sven Pollkötter in einem festlichen, aber kalten Saal. Musik zu der man die Augen schließen möchte, um sie zu genießen – kollektiv. War mir nicht die CD, die ich vorher gehört hatte ungleich schwerer und befremdlicher vorgekommen? Diese beiden, nicht viel älter als wir selbst, waren uns im Dialog um so Vieles näher als ich es von prämierten Künstlern zu erhoffen gewagt hätte. Die bauchigen Flaschen waren abermals anwesend.

Sonntagmorgen

Prof. Christ, Architektur, auch ein "Akademiker", allerdings einer, der sich auf weniger gewagtes Terrain begeben hat und dessen Vortrag mich persönlich in seine Bann gezogen hat. Wie passt Architektur in den Kulturkreis? Ist Architektur nicht von den vier Förderbereichen derjenige, der unser tägliches Leben am allermeisten beeinflusst? Ist nicht gerade Architektur in der Lage, eine Blaupause der Gesellschaft zu liefern – der, die war, die ist und die noch kommen wird? Ich freue mich sehr auf die nächsten Veranstaltungen zur Architektur.

Sonntagnachmittag

Inka Parei, die wir leider nicht treffen konnten. Wie anders wäre dieser Nachmittag verlaufen als der Abend in Mannheim? Till Veltens Arbeit war uns vor diesem Wochenende vermutlich ebenso fremd. Wären wir ihr vielleicht auch näher gekommen? Wäre das besser gewesen? Womöglich war ihr Nichterscheinen in gewisser Weise gut für uns. Es ist auch so nahezu unmöglich, alle Eindrücke des Wochenendes wach zu halten.

Ich weiß nicht, ob es euch ähnlich geht: Das Bronnbacher Fieber hat mich nach diesem ersten Wochenende befallen. Werden/sollten wir davon genesen?

Die wichtigsten Nebensachen des Wochenendes

Jede Menge gutes Essen vor, während und nach unseren einzelnen Sitzungen. Eine Tagungsstätte, die man nur weiterempfehlen kann – für die kommenden Jahrgänge und darüber hinaus.

 

 

Protokoll des Gesprächs mit Matthias Winzen von Sebastian Theuer

Die Dringlichkeit der Dinglichkeit

Das Gespräch mit Matthias Winzen, ehemaliger Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, und Professor für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Hoch-schule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar), fand am Samstagnachmittag, den 29.09.2007 im Kloster Bronnbach statt. Zur Vorbereitung dieses Treffens bat er dar-um, sich mit der Beantwortung folgender Fragen zu beschäftigen:

- Welchen Gegenstand benutze/bediene ich in meinem Alltag am häufigsten?

- Welches Ding/welcher Gegenstand ist das finanziell Teuerste in meinem persönli-chen Umfeld?

- Gibt es Dinge/Gegenstände, die in meinem Alltag über Jahre oder mein Leben lang konstant präsent sind oder immer wieder auftauchen?

- Welche Gegenstände, die ich in meinem Alltag mit der Hand berühre, verschwin-den bald wieder aus meinem Umfeld?

- Welche Dinge/Gegenstände, die ich benutze, habe ich selbst hergestellt/ entwor-fen/ gebaut/ konstruiert?

Bei der Beantwortung der Fragen fiel auf, dass sie sehr stark von der Definition des "Dings" oder "Gegenstandes" abhing. Trotzdem hat sich gezeigt, wie folgende Über-sicht verdeutlichen soll, dass einige Antworten häufiger genannt wurden (teilweise habe ich die Begriffe in Kategorien zusammengefasst):

- Brille, Musik, Laptop (5), Handy (2), Bett

- Rennrad, Musikinstrument, Laptop (3), Auto (2), Kontaktlinsenspezialanfertigung, Kleiderschrank, Zug

- Erbstücke, Geschenke, Schmuck, Dinge mit persönlichem Wert, Möbel (2), Klei-dung (bzw. bestimmte Kleidungsstücke) (3), Schuhe, Musikinstrument, Bibel, Haarfärbemittel, Fernseher, Nahrung

- Gebrauchsgüter allgemein, Nahrung (3), Kosmetik (3), Zeitungen, Ohrringe, Haar-spangen, Stifte (3), Fernbedienungen, Schlüssel, Feuerzeuge, Geld (2), Medika-mente, Tastaturen, Türklinken

- Bilder (2), Schmuck, Holzplatten auf Balkon, Gedächtnis, Wohnung (d.h. Möbel und Einrichtungsgegenstände)

Zwischen Gegenstandslosigkeit und Dingkrise – oder: "Warum Skulptur?"

Den Beginn des Treffens stellte das Zusammentragen unserer Antworten auf die von Matthias Winzen formulierten Fragen dar. In diesem Zusammenhang grenzte er zu-nächst die Begriffe Ding, Instrument und Gegenstand voneinander ab. Demnach ist ein Instrument oder eine Maschine – wie ein Auto oder ein Laptop – ein austausch-bares Massenprodukt, das uns genau vorgibt, wie mit ihnen umzugehen ist. Er kriti-siert darüber hinaus, dass so gut wie alle Alltagsgegenstände, die wir benutzen, aus-tauschbare Massen– und Wegwerfprodukte sind, die ohne Wahrnehmung existieren. Besonders hebt er dabei die digitalen Medien und die resultierende Ausschließlich-keit des visuellen Konsums hervor, der zu einer immer stärkeren Dominanz des Seh-sinns führt. Das Resultat dieser Entwicklung ist eine "Dingkrise", die darin besteht, dass das "gegenständlich konkrete einzelne Objekt aus unserer Alltagserfahrung heraus gefallen" ist. An diesem Punkt habe ich, und das war soweit ich mich erinnern kann auch der entscheidende Punkt der einsetzenden Diskussion, das Problem, dass auch ein Massenprodukt durch den Akt des Schenkens oder Modifizierens, in-dividualisiert und einzigartig gemacht werden kann.

Im darauf folgenden Abschnitt des Vortrags las Matthias Winzen aus seinem Essay zur Ausstellung "Bodycheck", die in den Monaten Juni bis September 2007 in Fell-bach stattfand, und die er kuratierte. Er ging nun darauf ein, inwieweit Skulptur eine Antwort, einen Aus- und Sonderweg darstellt, als Reaktion auf die soeben dargestell-ten aufgeworfenen Probleme. Er sieht das "bildhauerische Kunstwerk" als "das Ge-genteil eines Massenartikels", das deshalb "für den Anspruch einer körperhaft kon-kreten, nicht austauschbaren Erfahrung" steht. Die dreidimensionale Skulptur als Antwort auf die "Leibvergessenheit" und Zweidimensionalität? Hier habe ich mein zweites Problem mit seiner These: Zwar stellt die Skulptur zweifelsohne eine Mög-lichkeit dreidimensionaler Wahrnehmung und Erfahrung dar; allerdings bin ich fast sicher, dass wie in fast allen Museen und Ausstellung, auch bei "Bodycheck" ein "An-fassen verboten" Schild an den Exponaten angebracht ist, so dass einem diese Wahrnehmung faktisch nicht möglich ist.

Ein weiteres Argument, mit dem er seine These untermauert, ist das veränderte und sich verändernde Verhältnis eines Handwerkers zum Objekt, sei es ein Haus, ein Badezimmer, oder ein Möbelstück; aber sicherlich auch eines Kindes, welches sich statt einer Kiste frei kombinierbarer Bausteine einer Ritterburg von Lego gegenüber-sieht. Er kritisiert, dass, beispielsweise im Bauhandwerk, die Arbeitsschritte durch die standardisierten und industriell vorgefertigten Materialien vorgegeben werden, die Arbeit des Handwerkers dadurch entwertet wird, was letzten Endes dazu führt, dass "das austauschbare Objekt das Subjekt, welches mit ihm umgeht, nicht nur entwer-tet, sondern in der Gänze überflüssig und austauschbar macht."

Obwohl ich zunächst Probleme mit der heranführenden Logikkette von Matthias Win-zen hatte, so erschien mir seine Schlussfolgerung durchaus deutlich und nachvoll-ziehbar. Sein Vortrag zeichnete sich durch eine sehr starke, sicherlich bewusst pro-vokative und plakative Sprache aus. Meine Aufzeichnungen zum Vortrag bestehen nahezu ausschließlich aus Aneinanderreihungen von Zitaten. Um ebendiese zu ver-vollständigen, habe ich sowohl den Essaytext als auch unsere Wahrnehmungen noch einmal gelesen. Dabei fiel mir auf, dass meine unmittelbare Wahrnehmung rela-tiv schlecht ausfiel, im Gegensatz zur Wahrnehmung nach intensiver Lektüre der Thesen und Argumentationen von Matthias Winzen. Zwar habe ich auch weiterhin Probleme bzgl. einzelner Punkte, aber der interessierende Zusammenhang ist mir nun eindeutig klar. Diese Differenz erkläre ich mir insbesondere durch die Tatsache, dass ich es sehr schwierig fand, Matthias Winzen beim Vorlesen des Textes zu folgen – einem Text, der, selbst wenn man ihn in ruhiger Umgebung liest, beim zweiten Lesen aufs Neue überrascht.

Der letzte Teil des Vortrags litt leider an akutem Zeitmangel. Daher ist Matthias Win-zen bei der Diashow viel zu kurz auf die einzelnen Skulpturen eingegangen. Eine tie-fer gehende Betrachtung der einzelnen Objekte hätte uns sicherlich eine gute Mög-lichkeit gegeben, seine Thesen am Objekt besser zu verstehen, so wie es auch in seinem Essay der Fall ist, obwohl man dort die Skulpturen nicht einmal sieht. So hat er sich innerhalb von zehn Minuten durch 100 Skulpturen geklickt, und uns – bildlich gesprochen – einen Köder zugeworfen, uns aber nicht einmal in dessen Nähe kom-men lassen.

 

 

Protokoll zum Treffen mit Carsten Fock

Das Treffen mit Carsten Fock stellte den Auftakt unseres gemeinsamen Berlinaufenthalts dar. Neben Konstantin und Carsten waren – soweit wir uns erinnern können – folgende Stipendiaten anwesend: Apollonia, Michael, Sebastian, Stephan, und Uli.

Unser erstes Berlinabenteuer sollte die Suche nach Fetischs Wohnung sein. Die etwas eigenwillige Hausnummerierung, die noch aus der Mauerzeit stammt, sorgte dafür, dass wir an der Schwelle des ehemaligen Ost- und Westberlins ein wenig länger als beabsichtigt die Berliner Straßen auf- und abschlenderten. Einige Anrufe bei Konstantin und die Hilfe eines freundlichen Taxifahrers führten uns dann doch zu Fetischs Wohnung, die in einem renovierten Altbau liegt. Fetisch ist ein Berliner Produzent, mit dem Carsten Fock eng zusammen arbeitet. Zu den produzierten Künstlern gehören die Lottergirls, Una Aventura, Road Rage, Rampa, Max Skiba, Kads, Snax, Terranova und Fuck the system. Carsten Fock ist für die Gestaltung aller mit dem Label in Verbindung stehenden Artikel zuständig. Er zeichnet CD-Covers, gestaltet Poster und T-Shirts und konzipiert Ausstellungen. Carsten, den wir alle beim Malereiwochenende noch einmal treffen dürfen, ist ein Freund Konstantins; und es klang heraus, dass sie eine sehr intensive gemeinsame Zeit in Frankfurt verlebt hatten.

Wir trafen Carsten in dieser Wohnung, da sie zu einem großen Teil mit seinen Arbeiten wie Zeichnungen, Kleidungsstücken und CD-Gestaltungen ausgestaltet war. Die Wohnung als Ganzes wird durch die verschiedenen künstlerischen Kontraste selbst zu einem atmosphärischen Kunstwerk, in dessen Mitte – als gefühlter Meister all dessen – Rocco, Fetischs Hund, auf dem Bett liegt. Während unseres Gesprächs erzählte Carsten von seiner sehr facettenreichen Arbeit. Dabei ging es zum einen um die Arbeiten an sich und die verschiedenen Gattungen, aber auch um seine Arbeitsweise. Zum Beispiel berichtete er, wie er sich einem Thema nähert. So erzählte er, dass er und Fetisch oftmals gemeinsam spazieren gingen und ihnen dabei die besten Ideen einfielen. Wenn er an der Gestaltung eines Covers arbeitet, hört er sich die Musik an und hat relativ schnell eine Idee, die er dann malerisch umsetzt. Das klingt einfach und offensichtlich, ist aber in unseren Augen dennoch faszinierend.

Neben der klassischen Tätigkeit, die man mit einem Maler verbindet, wie die Ausrichtung von Ausstellungen, fühlt er sich stark zur Mode hingezogen. Er hat sowohl für und mit Adidas als auch für und mit Nike Kollektionen entworfen, die in geringer Stückzahl produziert wurden und an Exklusivkunden abgegeben werden. Eine spannende Konfrontation zwischen Branding und künstlerischer Freiheit ergab sich allerdings, als er einen Vorschlag für ein exklusives Adidas-Shirt vorstellte, auf dem das berühmte Firmenlogo durchgestrichen war. Offensichtlich wurde dies von Unternehmensvertretern abgelehnt. Obwohl ihm diese Tätigkeit sehr viel Spaß macht, hat er anklingen lassen, sie erst einmal ruhen zu lassen, da die Kooperation kompliziert ist, und er sich nicht nur in seiner künstlerischen Freiheit beeinträchtigt fühlte, sondern auch durch den enormen organisatorische Aufwand. Seine Affinität zu bestimmten Modestücken lässt sich auch an seiner Schuhsammlung manifestieren. Er hat laut eigener Aussage über hundert Paar Adidas-Turnschuhe, ist aber kürzlich auf Nike umgestiegen. Augenzwinkernd erzählte er auch von Besucherreaktionen, die – das erste Mal in seiner Wohnung – zunächst über ein Meer von Sneakern steigen mussten.

Ein Punkt, der eng mit der "Kritik" an Adidas und Nike verbunden ist, und den Carsten Fock sehr bewusst machen konnte, ist, dass sein Künstlerleben – und auch das vieler anderer Kreativer – nicht dem entspricht, was man sich unter dem Leben eines typischen Bohemien vorstellt. So verbringt er einen großen Teil seiner Arbeitszeit mit der Organisation von Ausstellungen, Projekten, Koproduktionen, etc., was ihn stört, weil er die Zeit lieber in seinem Atelier verbrächte, um künstlerisch tätig sein zu können. Auch betonte Carsten noch einmal, dass Künstler sehr wohl die wirtschaftliche Perspektive ihres Tuns bedenken müssen – und tatsächlich bedenken; und somit auch eine Kalkulation über die möglichen Einkünfte der nächsten Wochen und Monate anstellen.

Ein weiterer Schwerpunkt unseres Gesprächs lag auf der Relation zwischen Künstler, Galleristen, Kunstsammler und Kunstkritiker. Angesprochene Kritikpunkte waren bspw. dass Künstler teils nur für den Markt produzierten, dass die Galerien eine sehr große Macht bzgl. des Erfolgs oder Misserfolgs eines Künstlers hätten; dass eine aber noch viel größere Macht bei den Publizisten und Kritikern läge; dass diese bewusst oder unbewusst Schicksale determinierten, diese aber auch nur ihrem persönlichen Kalkül folgten, indem sie das schreiben, was der Markt von ihnen verlangt. Ist das verwerflich? Konstantin erzählte hierzu, dass eine positive und einen Künstler lobende Kritik über ein Exponat auf der documenta niemals eine solche Wirkung entwickeln könnte wie ein mehr oder weniger wahlloser Angriff auf das Œuvre eines bestimmten Künstlers. Kunstjournalisten stehen also vor dem Dilemma, dass positive Kritiken keine Abnehmer (in Feuilletons oder Kunstzeitungen) finden und deshalb effektstarke Verrisse produziert werden (müssen). Dass diese Axel-Springer-Strategie auch vor Kunst und Kultur nicht halt macht, davon kann man sich auch in den großen Feuilletons deutscher Zeitungen überzeugen.

Nach dem sehr informativen und familiären Gespräch verlegten wir dessen Fortsetzung ins Bonfini am Rosa-Luxemburg-Platz, ein sehr nettes italienisches Restaurant, wo weiterhin angeregt diskutiert wurde. Übrigens sehr zu empfehlen; tolles Essen zu erschwinglichen Preisen, und ein tolles Ambiente zwischen Berliner Chic und Bohème.

Anschließend verbrachten wir die Nacht im "Weekend", einem Berliner Club am Alexanderplatz, wo Gunnar und Hannes noch zu uns stießen, um gemeinsam 12 Stockwerke über Berlin zu feiern. Da dies ein Club ist, in dem sowohl Fetisch als auch Carsten Fock gelegentlich auflegen, hatten wir die Ehre auf der Gästeliste zu stehen. Ich glaube, sonst wären wir in unserem Outfit auch nicht hinein gekommen.

Ein in Summe rundum gelungener Abend, der allen früh Angereisten wohl in guter Erinnerung bleiben wird. Das Gespräch mit Carsten Fock war sehr angenehm und die Vorfreude auf das Malereiwochenende, an dem wir ihn wieder treffen dürfen, ist groß.

 

 

Protokoll Gespräch mit Inka Parei von Simon Müller

Inka las uns zwei Kapitel aus ihren beiden Büchern "Die Schattenboxerin" und "Was Dunkelheit war" vor. In ersterem ist die deprimierende Stimmung Berlins beschrieben, die sich durch das ganze Buch hindurch zieht. Berlin sei eine Stadt, so die Autorin, die sich stärker in ständiger Veränderung, in stetem Umbruch unterworfen sieht. Berliner haben einen Prozess stetiger Wandlung erlebt, in: "Die Schattenboxerin", Kapitel 16. Die Atmosphäre des Abschnitts erinnert an Werke von Romantikern wie William Blakes "London" oder Coleridge’s "Composed Upon Westminster Bridge" – dunkel, industriell, zerfallen. Der ältere Mann in "Was Dunkelheit war", erlebt, obwohl sich die Geschichte physisch vollständig in Frankfurt-Rödelheim abspielt, Szenen aus seiner Vergangenheit und surreale Zustände, die seine Einsamkeit und seine Angst verdeutlicht. Ihn plagen tiefliegende Schuldgefühle, die auf seine mutmaßlichen Verbrechen in der NS-Zeit zurückzuführen sind.

Ausgewählte Diskussionspunkte

1. Depressive Grundstimmung

Inka probiert den Gegensatz zw. Peripherie und Zentrum zu portraitieren. Hierbei geht es ihr um die Beschreibung der Komplexität, weniger um die selektive Heraushebung positiver und repräsentativer Regionen einer Stadt. Sie möchte Realitäten beschreiben und setzt sich weniger zum Ziele, ‘schöne’ Welten zu portraitieren. Außerdem schätze Sie Ästhetik anders ein: Sie finde gar nicht, dass die Beschreibung eine negativ zu wertende sei.

2. Wie schaffen Sie es, das Innenleben der Charakter so genau zu beschreiben?

Interesse, Familiengeschichte, längerer Annäherungsprozess, Recherche, eignet sich Stoffe länger an und bereitet sich strukturiert darauf vor. Fotos und Gespräche seien immer ein guter Ausgangspunkt, die Recherche erfolgt aber im Anschluss daran strukturiert.

3. Haben Sie eine Zielgruppe? Genauer: Zielgruppenspezifität?

Inka nähert sich dem Leser, hat aber keine wirtschaftliche Zielgruppe im Auge. (Anm. SM: Komisch, ich dachte, dieser Effekt stellt sich bei Erfolg (= Belohnung) automatisch ein. Falls Inka Zielgruppenorientierung wirklich für so nebensächlich hält, was sie behauptet, so ist das wirklich edel. Schließlich ändert Erfolg, Geld oder einfach auch nur die Motivation, die eigene finanzielle Lebensgrundlage zu schaffen, die Absicht einer Aktivität – so wie intrinsisch-motivierte Tätigkeiten oft an Glanz und Anziehungskraft verlieren, sobald sie vergütet werden)

4. Wie nähern Sie sich einem Thema? Wie findet die Themenfindung statt?

Spannungsverhältnis privater Existenzen und der Räume, in denen sie sich befinden, die wiederum einer langen historischen Entwicklung unterliegen. Assoziative Kontakte. Fotos, Erinnerungsnotizen.

5. Ist es für sein Problem, sehr private Inhalte über Verlage der breiten Leserschaft zugänglich zu machen?

Die Texte sind meist nicht privat, sondern schon stark abgeändert. Bei Erstlesern gehe der Autor allerdings ein höheres, vor allem persönliches Risiko ein.

6. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Vormittags, meistens 4-5 Stunden pro Tag ist für Inka die produktivste Zeit, zu schreiben. Dies ist personenabhängig. Sie sei weniger von ‘kreativen’ Schüben geplagt, die sie von anderen Autoren kennten.

7. Wie kommt die Struktur zustande?

Vorab muss die Perspektive festgelegt werden, später kommen die Inhalte von alleine. Hineindenken in eine Position sei enorm wichtig, um einen Plot zu entwickeln.

8. Woher wissen Sie, dass Sie genau 21 Kapitel schreiben werden?

Die genaue Struktur sei ihr nicht bekannt, vielmehr entwickelte sie sich während des Schreibens – das Hineinfühlen in die Protagonisten sei wichtig. Man könne sich selbst Regeln schaffen, ein Spielfeld, das man später mit Leben füllen könne.

9. Wie gehen Sie mit dem Druck um, den Sie spüren?

Grundvoraussetzung ist die Liebe zum eigenen Schaffensprozess. Einer Autorin sei zu keinem Zeitpunkt ein sicheres Einkommen gewiss, daher existiere in der Tat ein Schaffensdruck. Lust, Verrücktheit. Druck habe auch tolle Seiten. Als besonders positives Feedback schildert sie die Anerkennung von ‘großen’ Literaturkritikern. Altruismus und die Tatsache. Schwierig sei es, dem Anreiz nicht zu erliegen, den Erwartungen anderer zu genügen und seine eigene Erfolge/ Auszeichnungen wiederholen oder übertreffen zu wollen.

10. Wie gehen Sie mit den Übersetzungen um?

Meist werden Gutachter herangezogen, die ein Werk vorab durchgehen und dann eine Empfehlung zur Übersetzung aussprechen. Um die literarische Qualität eines fremdsprachlichen Textes evaluieren zu können, so muss man diese Sprache sehr gut kennen. Inka fragt in diesem Zusammenhang gerne Muttersprachler.

11. Andere Medien/Projekte

Literatur als einzige Ausdrucksform, obwohl sie sich jetzt erstmals als Drehbuchautorin versucht. (Off-topic: Inka befasst sich in Ihrer Freizeit derzeit mit Kühlelementen)

Die anschließende Diskussion über Freiheit (Auszüge)

Grundsätzlich ist Freiheit mir persönlich sehr wichtig. Es sollte einem aber bewusst sein, dass Freiheit oftmals ein Kuchen mit fixen Ausmaßen ist, soll heißen, die Erhöhung meiner Freiheit führt zur Verringerung eines anderen Freiheit (Sebastian).

Psychologische Freiheit bedeutet Selbstentscheidung des Ich, d.h. Unabhängigkeit des Handelns und Wollens von momentanen Reizen, Fähigkeit der Überlegung und Wahl, Sich-bestimmen-lassen durch die eigene Persönlichkeit, durch den eigenen Charakter. Was ich aber sehr traurig finde ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass oft Freiheit auch von Geld oder Macht / Status abhängig ist (Appolonia).

vogelfrei: ein Vogel vor blauem Himmel, frei wie ein Fisch im Wasser: ... Beides Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, die dort nicht mal etwas Besonderes tun. Aber: sie können beide Dinge, die uns ohne Hilfsmittel versagt bleiben. Also betrachten wir das als frei, was wir nicht können. Warum kommt niemandem ein Steinzeitmensch in den Sinn, wenn er an Freiheit denkt? Das wäre doch auch ein Wesen in seiner ganz natürlichen Umgebung ohne viele Hilfsmittel. (Steffi)

Im Prinzip finde ich es auch prima viele Entscheidungsmöglichkeiten zu haben, aber häufig fühle ich mich eigentlich freier, wenn ich diese genau nicht habe. Klingt paradox, ist aber so. Vielfach war ich schon dadurch erleichtert, dass ich für eine bestimmte Entscheidung genau keinen Spielraum hatte. Durch eine Einschränkung solcher Freiheit entsteht dann ja auch wieder andere Freiheit, z.B. im Sinne von Freizeit, da man sich mit verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten gar nicht erst beschäftigen muss. (Christoph)

Ordnung = Sicherheit vs. Freiheit? In gewisser Weise würde ich diesem Trade-off zustimmen aber auch widersprechen. Um die eigene Freiheit nutzen zu können brauchen wir Sicherheit und unterwerfen uns daher rational den geltenden Regeln. Die Freiheit wäre vermutlich nicht mehr erstrebenswert, wenn alle nur noch tun würden, was sie wollen, ohne die Konsequenzen zu bedenken, sondern würde in Anarchie enden. Dies würde jedes Individuum wieder in der Nutzung seiner Freiheit einschränken und der freie Wille würde Regeln formen. (Hannes)

Ich finde es immer wieder interessant, wie sich die Wahrnehmung der eigenen Freiheit von vor 1989 zu nach 2000 verändert hat. Fragt man nach der DDR, so kommt jeder früher oder später darauf, dass man doch in gewisser Weise unfrei war – keine Freizügigkeit, kein "freier" Konsum, keine freie, öffentliche Meinungsäußerung... (Das alles erfährt man aber erst, nachdem einem viele wundervolle Geschichten und Erfahrungen berichtet worden sind – eine Art Freiheit, die auch in der politischen Unfreiheit existierte und überall existiert, wo Menschen leben.) Heute findet man wieder eine ganze Reihe von sich unfrei Fühlenden – zwar dürfen sie jetzt sagen, was sie wollen und reisen, wohin sie wollen und kaufen, was sie wollen, sie können es aber nicht immer. (Michael)

 

Protokoll Berlin von Stefan Worthmann

From Beirut to Bayreuth – oder Playing the big game (Treffen mit Hr. Dr. Frucht und A. Wilms im Haus der deutschen Wirtschaft): Kennenlernrunde mit Hr. Dr. Frucht und Fr. Heike Wilms – Fortführung des Stipendiums an der Uni-Mannheim – Fakten, Fakten Fakten

Auf Anregung von Hr. Dr. Frucht hatten wir erneut die Gelegenheit über unsere Erwartung an das Bronnbacher Stipendium zu sprechen. Neben unseren klassischen Argumenten (z.B. besserer Zugang zu Kultur, Interaktion mit Künstlern, Neugierde/Lust auf etwas Neues) fiel mir insbesondere der Punkt Interaktion/Austausch mit den anderen Stipendiaten auf. Gerade die unterschiedlichen Hintergründe (Studiengang, Semesterzahl und individuelle Erfahrungen mit Kunst im Vorfeld) machen einen besonderen Reiz des Stipendiums aus, und führen regelmäßig zu sehr fruchtbaren Gesprächen.

Hr. Dr. Frucht berichtete (zu) kurz über das Gespräch mit Hr. Prof. Dr. Arndt über die Fortführung des Stipendiums in Mannheim. Konkrete Aussagen über die weitere Kooperation gibt es – so mein Verständnis – nicht; alle Beteiligten scheinen aber den festen Willen zu haben an der Bronnbacher Idee weiterhin festzuhalten. In diesem Zusammenhang diskutierten wir auch über eine evtl. Neupositionierung des Stipendiums, um sich an die neue Bachelor/Master Struktur anzupassen. Aus Sicht der Mehrzahl Stipendiaten ist kurzfristig keine Änderung erstrebenswert, da (siehe oben) gerade die Vielfalt der Stipendiaten einen eigenen, bedeutenden Mehrwert des Stipendiums darstellt.

Hier noch ein paar Fakten, die ich aufgeschnappt habe:

- Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur (K&K) fördert die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

- Bund, Länder und Gemeinden geben ca. 8 Mrd. € für K&K pro Jahr aus (ca. 1,2 % des BIP).

- Von diesen 8 Mrd. entfallen ca. 10 % auf den Bund, und jeweils ca. 45 % auf die Länder und Kommunen

- An den Gesamtausgaben für K&K in Deutschland sind private Träger mit ca. 10 % beteiligt (in den USA genau anders herum 90 % privat, 10 % Staat).

- Deutschland verfügt über die beste kulturelle Infrastruktur weltweit.

Vom Berater zum Bronnbacher – oder der tollste Job auf der Welt (Treffen mit Fr. Dr. Wiehager und Hr. Dr. Manfred Gentz im Haus Huth am Potsdamer Platz): Ausstellung "Minimalism and Applied" im Haus Huth – Diskussion mit Hr. Dr. Gentz – DaimerChrysler Collection

Fr. Dr. Wiehager führte uns durch die Daimler-eigene Ausstellung "Minimalism and Applied". Aus meiner Sicht sehr erfrischend fand ich Ihre Fähigkeit auf konkrete Fragen mit konkreten Antworten zu parieren. Die Frage nach guter Kunst bzw. nach Qualität der Kunst beantwortete Sie sehr facettenreich. An erster Stelle steht aus Ihrer Sicht die langjährige Erfahrung bzw. das in dieser Zeit angeeignete Wissen. Dieses ist notwendig, um den Künstler-Kontext (z.B. persönliche Erfahrungen und Motivationen des Künstlers; Umfeld der Künstler, die zu dieser Zeit an "ähnlichen" Fragestellungen gearbeitet haben; Einordnung des Künstlers in die Kunstgeschichte; Meinungen und Kritiken von anderen Kunstexperten) durchdringen zu können. Dennoch ihr Fazit: trotz Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung und wissenschaftlicher Vorarbeit – ich würde es eher intensive Recherche nennen – gibt es am Ende keine Garantie dafür, dass es "wirklich" gute Kunst ist. Und wer hätte nicht gerne einen Job, in dem man seine Ideen so kreativ umsetzen kann, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Anders ausgedrückt: Kontrolle durch Ihre Chefs kann es im klassischen Sinn nicht geben, allein die Meinung der Öffentlichkeit und der Kunstkritiker kann hier ein Korrektiv darstellen.

Zu Hr. Dr. Gentz fallen mir spontan folgende Assoziationen ein: Integrität, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit. Erstaunlich fand ich, dass die Ausgaben für Kunst eigentlich kein Aktionärsthema sind. Ganz im Gegenteil: es sind eher die Mitarbeiter die den Mehrwert bzw. Sinn des Engagements in Frage stellen. Auf Ebene der Führungskräfte, so glaube ich verstanden zu haben, steht dann eher die Frage im Raum: warum gerade dieses Exponat oder jenes. In beiden Fällen führt es zu einem "sich mit der Kunst auseinandersetzen", was aus Sicht von Hr. Dr. Gentz auf jeden Fall schon ein Erfolg ist. Das Wort zum Sonntag lautete, dass wir alle über den Tellerrand hinausschauen sollen und das Interesse und Engagement für Kunst sicherlich nicht karriereschädigend ist. Darüber hinaus rät er uns 3 Jahre zu einer Top-Management Beratung (z.B. BCG) zu gehen, und sich dann wieder verstärkt um Privates und Kunst zu kümmern. Laughing

Die Daimler Kunst Sammlung wurde 1977 begründet und umfasst aktuell rund 1300 Werke von deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Ihr besonderes Profil gewinnt die Sammlung in der Orientierung an abstrakt-geometrischen Bildkonzepten.

Von Bananen und Büros oder das beieindruckendste Büro ever: Treffen mit Ulrich und Isabel Sauerwein (luxoom) – Kunst im Büro – Kunst privat

Abgesehen von dem sehr beeindruckenden Räumlichkeiten und der Kreativität der Inneneinrichtung (z.B. Kopf durch die Wand/Polster in der Bar), fand ich die ausgestellte Kunst anregend. Und ich glaube, dass ist es, was Hr. Sauerwein damit erreichen möchte. Seine Mitarbeiter anregen, anspornen und ggf. auch provozieren. Kunst kann aus seiner Sicht nicht demokratisch sein. Als Chef möchte er Akzente setzen, auch auf die Gefahr hin, dass "es" nicht allen Mitarbeiter gefällt. Darüber hinaus ist die ausgestellte Kunst ein Vehikel, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Stellt euch den ersten Kontakt im Büro vor, es handelt sich um einen neuen Kunden, dieser steht vor der Grundsteinlegung des Adlon und Hr. Sauerwein holt in an der Rezeption ein. Toller Einstieg, oder?

Obwohl "wir keine Sammler sind" sammelte sich einiges in der Wohnung. Warum sind die beiden keine Sammler? Was wäre daran so schlimm? Müsste man dann alle Kunstwerke in einem anderen Licht sehen? Neu bewerten, anders aufhängen?

Die privaten Kompositionen der beiden bieten eine Mischung aus Entspannung und Spannung. Entspannen durch den reinen Genuss des Fensters zur Welt, nachhaken und nachforschen auf der Wand des Wachstums. Peter Pillers "fucking Bananas" in der Küche sind nur ein Highlight des privaten Schatzes der Sauerweins, und dass er ein "visueller Typ" ist unterstrich Hr. Sauerwein mit dem Blick aus seiner Wohnung. Um mit einer kleinen Analogie zu schließen: Was macht das Protokoll? Das macht was! (Antwort eines Stipendiaten auf die Frage eines Kurators im Bronnbacher Stipendium).

 

Protokoll zum Treffen mit Wolfgang Christ von Stefanie Hirsch

Am dritten Tag unseres Auftaktwochenendes trafen wir auf Wolfgang Christ, Professor für Entwerfen und Städtebau an der Bauhaus-Universität und Direktor des Instituts für Europäische Urbanistik. Sein Vortrag war nicht nur wirklich gut strukturiert und vorgetragen sondern forderte außerdem unsere aktive Teilnahme an einem kleinen Experiment. Im Vergleich zu den meisten anderen Begegnungen dieses Wochenendes war diese von Beginn an sehr greifbar für uns. Wahrscheinlich zum einen, da der Vortragsstil ein uns eher bekannter war als in manch anderem Vortrag und sicher nicht zuletzt, da das Thema „wohnen – wie und wo“ eines ist, mit dem wir uns alle regelmäßig ganz persönlich auseinandersetzen. Prof. Christ warf jedoch im Laufe seines Vortrages vor allem die Frage nach der Übernahme von Verantwortung für den Wohnort auf – zunächst im Bezug auf die Verantwortung des Stadtplaners, später dann auch im Hinblick auf eine gewisse Verantwortung, die wir alle als Bewohner haben sollten.

Den Einstieg ins Thema gestaltete er, indem er uns berichtete, wie sich das Engagement des Kulturkreises im Bereich der Architektur entwickelt hatte. Wenn gleich natürlich interessant und wissenswert für uns, so schien es doch ein Pflichtprogramm für ihn zu sein. Anschließend war es an uns, mit Hilfe von drei spontanen 5-Minuten-Skizzen zu den Begriffen Haus, Stadt und Landschaft, die Überleitung in die „Kür“ zu gestalten. Gleiches hatte er schon mit vielen Gruppen zuvor, meist mit seinen Studenten, gemacht. Auf den ersten Blick recht banal, nahm das Ganze durch Wolfgang Christs Interpretation Züge einer soziologischen Studie an. Neben unterschiedlichen Persönlichkeitstypen zeigte er beispielhaft auch kulturelle Unterschiede auf – etwa zwischen dem typisch japanischen Bild einer Stadt und dem, wie wir es zum Großteil gezeichnet hatten. Mit den verschiedenen Stadttypen leitete er gleichzeitig seine Ausführungen zur Geschichte der Urbanistik ein. Statt lehrbuchhafter grafischer Darstellungen zur Entwicklung des geografischen Stadtbildes im Laufe der Zeit, bediente er sich vielmehr dem Bild eines Eies in verschiedenen Zuständen. Am Anfang stand die mittelalterliche Stadt, welche im Kern einen Marktplatz und eine Kirche umfasste und durch eine Stadtmauer nach außen begrenzt war. Damit entsprach sie strukturell einem einfachen Ei im Querschnitt. Die erste räumliche Ausbreitung der Städte verglich er mit der Form eines Spiegeleis und schließlich die komplette Auflösung der Stadt oder besser Urbanisierung des Landes mit der Struktur von Rührei.

Anschließend erfragte Wolfgang Christ unsere eigenen Erwartungen an Architektur und wie wir sie in unserem persönlichen Lebensmodell sehen. Schnell wurde im Gespräch mit ihm darüber seine Leidenschaft für das Thema Wohnräume deutlich und er kam zu seinem Statement, dass man als Stadtplaner eine ganz besondere Verantwortung für andere trage. Damit verbunden zeigte er uns verschiedene neue Konzepte auf und erläuterte, dass es notwendig sei, überhaupt erst ein Mal zu begreifen, was man vorfinde und man dann genau damit arbeiten müsste – unter diesem Stichwort blieb uns auch das Beispiel Mannheim mit seiner Besonderheit der Quadrate nicht erspart. Zudem betonte er, eine sich unter anderem aus modernen Gesellschaftsentwicklungen ergebende, zunehmende Verantwortung Einzelner innerhalb verschiedener Wohnformen. Zum Schluss kam Christ noch auf ein persönliches Anliegen zu sprechen, mit dem er auch seinen Vortrag ausklingen ließ: den von ihm gegründeten Freundeskreis von Werner Hegemann, einem Mannheimer Ökonomen, der seiner Meinung nach, auch den ersten wichtigen Urbanisten darstellt. Bauhaus sei mit am Vergessen dieses Mannes schuld, sagte er uns ausgerechnet als ein Professor der heutigen Bauhaus- Universität …

Schade war einerseits, dass es nach dem Vortrag, der ja bereits einige Interaktion beinhaltet hatte, keine allgemeine Diskussion am Ende mehr gab – insbesondere über die neuen Lebens- und Wohnformen hätte man sich sicher noch eine ganze Weile austauschen können. Besonders schön war hingegen, dass Wolfgang Christ zu einem Großteil seiner Ausführungen auch gleich eine Literaturempfehlung parat hatte, so dass ich für meinen Teil sagen kann, mit einem Gefühl von Aufbruch in ein neues interessantes Themengebiet den Vortragsraum verlassen zu haben.

 

Protokoll zum Heidelberger Frühling – Streichquartettfest von Stefanie Hirsch

Auf dem morgendlichen Weg zum Festivalforum Alte Pädagogische Hochschule konnten wir den ersten wirklichen Frühlingstag erleben. So aufgeladen sahen wir dem Tagesprogramm des Streichquartettfests im Rahmen des Heidelberger Frühlings entgegen.

Den Einstieg in stellte ein „lecture recital“ von Beethovens Großer Fuge op. 133 dar. Gestaltet wurde diese Form der Präsentation von Oliver Wille, selbst Mitglied des Quartett Kuss, und dem französischen Zeminsky Quartett Oliver Wille begann mit einigen Zitaten von Zeitgenossen und späteren Komponisten über die Große Fuge und versuchte dann dem Publikum und damit auch uns ein Gefühl für die Motive und die Motiventwicklung im Stück zu vermitteln. Der Fokus auf die Musik nahm mit der Zeit zu und immer wieder wurden Teilstücke durch das Quartett gespielt. Zwar verwendete Oliver Wille durchaus viele Fachbegriffe, seine Ausführungen waren jedoch stets eindrücklich und damit allgemein leicht verständlich. Ich hatte die Große Fuge bis dahin noch nie bewusst gehört und empfand diese Form der Präsentation für diese Situation als sehr angenehm. Als das Quartett schließlich das ganze Stück spielte erinnerte ich mich an eine Anekdote vom Anfang und konnte mir gut vorstellen, dass Schönberg dieses Stück vor seinen eigenen hatte spielen lassen, damit seine Musik nicht zu modern klang.

Nach einem sehr gemütlichen Mittagessen kamen wir zum zweiten Programmpunkt, einer Lesung aus Sonia Simmenauers Buch „Muss es sein?“, wieder zusammen. Sie betreut seit mehr als 20 Jahren in ihrer Funktion als Konzertagentin Streichquartette und berichtete aus ihrer Sicht über den Alltag im Konzertgeschäft und die Zusammenarbeit mit den Musikern. Darüber hinaus berichtete sie von ihrer ganz persönlichen Beziehung zur Musik und wie sich diese entwickelt hat. Etwas komisch war es schon eine Lesung auf einem Musikfestival zu besuchen, aber einige Details zur internen Kommunikation und Organisation im Konzertalltag waren ganz interessant – vor allem im Vergleich zu uns bekannte Arbeitsweisen. Außerdem habe ich Sonia Simmenauer als eine sehr angenehme und offene Person wahrgenommen, die einem das Zuhören leicht machte, obgleich sie selbst von sich als ungeübte Vorleserin sprach.

Zur „tea-time“ wurde das erste Mal unkommentiert nur Musik gespielt und wir hörten zwei verschiedene Stücke von Haydn – … gespielt vom Quarteto Casals und … vom Zeminsky Quartett. Der direkt aufeinander folgende Vergleich der Spielweise von zwei Quartetten, wenn auch mit zwei unterschiedlichen Stücken, war sehr spannend. Während die Musiker des ersten sich hauptsächlich über Blickkontakte verständigten, so geschah dies bei den Musikern des Zeminsky Quartetts sehr viel harmonischer, klarer und für das Publikum unsichtbar. Die individuellen Spielweisen waren jedoch für einen Laien anhand der verschiedenen Stücke nicht so leicht zu vergleichen. Die Frage nach dem Anteil eigener Interpretation drängte sich geradezu auf.

Eine Möglichkeit, sich selbst diese Frage zu beantworten bot das direkt darauf folgende Projekt „Schostakowitsch Oktett“. Das Klenke Quartett aus Deutschland und das Atrium Quartett aus Russland waren am Vortag das erste Mal zusammen gekommen, um das Stück von Schostakowitsch, geschrieben für zwei Quartette, ein einziges Mal vor dieser „öffentlichen Probe“ gemeinsam zu spielen. An diesem Tag spielten sie zunächst zwei Mal hintereinander den ersten Satz, jedoch mit unterschiedlicher Verteilung der Stimmen. Während zunächst das Klenke Quartett die ersten Stimmen spielte tauschten sie für das zweite Vorspiel die Rollen. Im Anschluss war das Publikum gefordert, sich zu dem gehörten zu äußern und auch die Musiker wurden zu Wort gebeten. Meiner Empfindung nach ergab sich ein wesentlich ruhigeres, aber zugleich auch kraftvolleres, ausdrucksstärkeres und harmonischeres Bild unter Leitung des Atrium Quartetts. Oliver Wille betonte dennoch die überraschend ähnliche Rhythmik und das Tempo – später verlor er sich mit seinen Ausführungen jedoch leider etwas zu sehr im Detail. Zum Abschluss wurde das Stück nochmals in seiner gesamten Länge gespielt. Leider übernahm hier das Klenke Quartett die Leitung und damit nicht, wie ich es mir gewünscht hätte das Atrium Quartett. Als recht unangenehm fiel vielen von uns auf, dass während der gesamten Zeit in keiner Weise für die russischen Musiker übersetzt wurde und diese auch nicht zu Wort kamen.

Damit war unser Pflichtprogramm beendet und bereits zu dem Zeitpunkt hatte mich der Tag stark beeindruckt. Denn der spezielle Aufbau des Tagesprogramms und die unterschiedlichen, zum Teil kommentierten, Präsentationsformen fügten sich zu einem runden Bild zusammen. Gut gefallen hat mir außerdem die internationale Ausrichtung des Programms, auch wenn es sicher noch Verbesserungsbedarf bei der Überbrückung sprachlicher Barrieren mit den fremdsprachlichen Künstlern gibt. Vor allem bei dem Projekt „Schostakowitsch Oktett“ hätte ich gerne neben dem deutschen auch von dem russischen Quartett gehört, wie sie dieses Experiment wahrgenommen haben.

Obwohl sich im Anschluss an die vier Tagesveranstaltungen der Großteil unserer Gruppe wieder auf den Weg nach Hause machte, kam das Beste erst danach. Das Nachtkonzert Zwischentöne zeigte uns wiederum eine ganz neue Facette von Streichmusik auf. Geboten wurde Jazz vom Quatuor Ebène mit Slam Poetry von Bas Boettcher zwischendurch. Die vier Musiker holten alles aus ihren Instrumenten raus und wurden zusätzlich von einem Schlagzeuger begleitet. Beeindruckend war die große Bandbreite der von ihnen gespielten Stücke – insbesondere ihr Repertoir zu Filmmusik reichte von Charlie Chaplin über Pulp Fiction bis hin zu Schneewittchen in der Zugabe, wo sie dann auch ihre Instrumente einen Moment beiseite legten und mit ihren Stimmen das Publikum begeisterten. Bas Boettcher bereicherte den Abend zusätzlich mit witzigen und wortgewaltigen Zwischeneinlagen von Slam Poetry. Ungefähr um Mitternacht ging dann schließlich auch für die letzten vier von uns der Tag zu Ende.

 

Protokoll zum Treffen mit Carsten Fock von Stephan Bedenk und Sebastian Theuer

Das Treffen mit Carsten Fock stellte den Auftakt unseres gemeinsamen Berlinaufenthalts dar. Neben Konstantin und Carsten waren – soweit wir uns erinnern können – folgende Stipendiaten anwesend: Apollonia, Michael, Sebastian, Stephan, und Uli.

Unser erstes Berlinabenteuer sollte die Suche nach Fetischs Wohnung sein. Die etwas eigenwillige Hausnummerierung, die noch aus der Mauerzeit stammt, sorgte dafür, dass wir an der Schwelle des ehemaligen Ost- und Westberlins ein wenig länger als beabsichtigt die Berliner Straßen auf- und abschlenderten. Einige Anrufe bei Konstantin und die Hilfe eines freundlichen Taxifahrers führten uns dann doch zu Fetischs Wohnung, die in einem renovierten Altbau liegt. Fetisch ist ein Berliner Produzent, mit dem Carsten Fock eng zusammen arbeitet. Zu den produzierten Künstlern gehören die Lottergirls, Una Aventura, Road Rage, Rampa, Max Skiba, Kads, Snax, Terranova und Fuck the system. Carsten Fock ist für die Gestaltung aller mit dem Label in Verbindung stehenden Artikel zuständig. Er zeichnet CD-Covers, gestaltet Poster und T-Shirts und konzipiert Ausstellungen. Carsten, den wir alle beim Malereiwochenende noch einmal treffen dürfen, ist ein Freund Konstantins; und es klang heraus, dass sie eine sehr intensive gemeinsame Zeit in Frankfurt verlebt hatten.

Wir trafen Carsten in dieser Wohnung, da sie zu einem großen Teil mit seinen Arbeiten wie Zeichnungen, Kleidungsstücken und CD-Gestaltungen ausgestaltet war. Die Wohnung als Ganzes wird durch die verschiedenen künstlerischen Kontraste selbst zu einem atmosphärischen Kunstwerk, in dessen Mitte – als gefühlter Meister all dessen – Rocco, Fetischs Hund, auf dem Bett liegt. Während unseres Gesprächs erzählte Carsten von seiner sehr facettenreichen Arbeit. Dabei ging es zum einen um die Arbeiten an sich und die verschiedenen Gattungen, aber auch um seine Arbeitsweise. Zum Beispiel berichtete er, wie er sich einem Thema nähert. So erzählte er, dass er und Fetisch oftmals gemeinsam spazieren gingen und ihnen dabei die besten Ideen einfielen. Wenn er an der Gestaltung eines Covers arbeitet, hört er sich die Musik an und hat relativ schnell eine Idee, die er dann malerisch umsetzt. Das klingt einfach und offensichtlich, ist aber in unseren Augen dennoch faszinierend.

Neben der klassischen Tätigkeit, die man mit einem Maler verbindet, wie die Ausrichtung von Ausstellungen, fühlt er sich stark zur Mode hingezogen. Er hat sowohl für und mit Adidas als auch für und mit Nike Kollektionen entworfen, die in geringer Stückzahl produziert wurden und an Exklusivkunden abgegeben werden. Eine spannende Konfrontation zwischen Branding und künstlerischer Freiheit ergab sich allerdings, als er einen Vorschlag für ein exklusives Adidas-Shirt vorstellte, auf dem das berühmte Firmenlogo durchgestrichen war. Offensichtlich wurde dies von Unternehmensvertretern abgelehnt. Obwohl ihm diese Tätigkeit sehr viel Spaß macht, hat er anklingen lassen, sie erst einmal ruhen zu lassen, da die Kooperation kompliziert ist, und er sich nicht nur in seiner künstlerischen Freiheit beeinträchtigt fühlte, sondern auch durch den enormen organisatorische Aufwand. Seine Affinität zu bestimmten Modestücken lässt sich auch an seiner Schuhsammlung manifestieren. Er hat laut eigener Aussage über hundert Paar Adidas-Turnschuhe, ist aber kürzlich auf Nike umgestiegen. Augenzwinkernd erzählte er auch von Besucherreaktionen, die – das erste Mal in seiner Wohnung – zunächst über ein Meer von Sneakern steigen mussten.

Ein Punkt, der eng mit der "Kritik" an Adidas und Nike verbunden ist, und den Carsten Fock sehr bewusst machen konnte, ist, dass sein Künstlerleben – und auch das vieler anderer Kreativer – nicht dem entspricht, was man sich unter dem Leben eines typischen Bohemien vorstellt. So verbringt er einen großen Teil seiner Arbeitszeit mit der Organisation von Ausstellungen, Projekten, Koproduktionen, etc., was ihn stört, weil er die Zeit lieber in seinem Atelier verbrächte, um künstlerisch tätig sein zu können. Auch betonte Carsten noch einmal, dass Künstler sehr wohl die wirtschaftliche Perspektive ihres Tuns bedenken müssen – und tatsächlich bedenken; und somit auch eine Kalkulation über die möglichen Einkünfte der nächsten Wochen und Monate anstellen.

Ein weiterer Schwerpunkt unseres Gesprächs lag auf der Relation zwischen Künstler, Galleristen, Kunstsammler und Kunstkritiker. Angesprochene Kritikpunkte waren bspw. dass Künstler teils nur für den Markt produzierten, dass die Galerien eine sehr große Macht bzgl. des Erfolgs oder Misserfolgs eines Künstlers hätten; dass eine aber noch viel größere Macht bei den Publizisten und Kritikern läge; dass diese bewusst oder unbewusst Schicksale determinierten, diese aber auch nur ihrem persönlichen Kalkül folgten, indem sie das schreiben, was der Markt von ihnen verlangt. Ist das verwerflich? Konstantin erzählte hierzu, dass eine positive und einen Künstler lobende Kritik über ein Exponat auf der documenta niemals eine solche Wirkung entwickeln könnte wie ein mehr oder weniger wahlloser Angriff auf das Œuvre eines bestimmten Künstlers. Kunstjournalisten stehen also vor dem Dilemma, dass positive Kritiken keine Abnehmer (in Feuilletons oder Kunstzeitungen) finden und deshalb effektstarke Verrisse produziert werden (müssen). Dass diese Axel-Springer-Strategie auch vor Kunst und Kultur nicht halt macht, davon kann man sich auch in den großen Feuilletons deutscher Zeitungen überzeugen.

Nach dem sehr informativen und familiären Gespräch verlegten wir dessen Fortsetzung ins Bonfini am Rosa-Luxemburg-Platz, ein sehr nettes italienisches Restaurant, wo weiterhin angeregt diskutiert wurde. Übrigens sehr zu empfehlen; tolles Essen zu erschwinglichen Preisen, und ein tolles Ambiente zwischen Berliner Chic und Bohème.

Anschließend verbrachten wir die Nacht im "Weekend", einem Berliner Club am Alexanderplatz, wo Gunnar und Hannes noch zu uns stießen, um gemeinsam 12 Stockwerke über Berlin zu feiern. Da dies ein Club ist, in dem sowohl Fetisch als auch Carsten Fock gelegentlich auflegen, hatten wir die Ehre auf der Gästeliste zu stehen. Ich glaube, sonst wären wir in unserem Outfit auch nicht hinein gekommen.

Ein in Summe rundum gelungener Abend, der allen früh Angereisten wohl in guter Erinnerung bleiben wird. Das Gespräch mit Carsten Fock war sehr angenehm und die Vorfreude auf das Malereiwochenende, an dem wir ihn wieder treffen dürfen, ist groß.

 

Protokoll Gespräch mit Dr. Barbara Steiner von Ulrich Atz

Unser Treffen mit Barbara Steiner war für mich im Wesentlichen ein verdichteter Diskurs über die Geschichte des Kapitalismus und der Kunst. Im Mittelpunkt stand die Beziehung und Wechselwirkung beider. Ferner hat Frau Steiner Bezug genommen auf ihre Arbeit, das Museum und die aktuelle Ausstellung. Ihren Vortrag mit inhaltlicher Tiefe, klaren Konzepten und anschaulichen Beispielen empfand ich als äußerst gelungen. "It’s the economy, stupid!", war das Einstiegszitat und spielt gleich auf eine zentrale Kritik von Frau Steiner an: Kapitalismus ist so allgegenwärtig, dass gar nicht mehr über Alternativen nachgedacht wird.

Persönlich bin ich sehr von der Unausweichlichkeit der ökonomischen Existenz überzeugt. Auch ihre Meinung der gegenseitigen Befruchtung von Kapitalismus und Kunst ist für mich nachvollziehbar, wobei der Kapitalismus eine Kunst als Kritikerin und Korrektiv braucht (aber nicht umgekehrt!).

In der Tat hat die Kritik am Kapitalismus durch die Kunst, wie dieser selbst, vielfältige Wandlungen hinter sich, wobei heute die Kritik aus der Kunst oftmals willkommen geheißen wird. (Dabei sei dahingestellt, ob diese sich nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt.) Wenn man Kapitalismus auf eine Minimaldefinition wie Boltanski (1999) zurückführt, dann ist der zentrale Mechanismus eine unbegrenzte Kapitalakkumulation durch formal friedliche Mittel. Die freie Marktwirtschaft ist hierbei nicht mit Kapitalismus gleichzusetzen. Allgemeine Kritik äußert sich meist an der Unterdrückung von Freiheit und Autonomie, einem natürlichen Trend zu Armut und Ungleichheit und der Schaffung von Gier und Egoismus.

Vor Mitte des 20. Jh. sah sich die Kunst als das Gegenstück zum Kapitalismus: Das Nichtproduktive wird herausgestellt, Kunst als eine nutzlose idealisierte Sphäre, eine Flucht von der rationalen, effizienten Leistungsrealität. Umso mehr trafen Künstler wie Andy Warhol dann einen wunden Punkt, als sie Elemente des Massenkonsums in diese heiligen Sphären der Kunst brachten. Geld war bislang ein Tabu und seine Thematisierung wurde als Anmaßung empfunden. Ein Beispiel für ein Kunstwerk, das in den 70ern ein Kind seiner Zeit war, ist eine Kunstgalerie bei der eine Wand entfernt wurde, sodass das kleine Verwaltungsbüro sichtbar wurde. Im ersten Moment wollte mir das Radikale nicht einleuchten, doch im entsprechenden Kontext wird diese einfache Geste klar. Andy Warhol in späteren Jahren, dafür umso mehr der Künstler Jeff Koons, verwendeten nicht nur Zeugnisse der Konsumkultur für ihre Werke, sondern inszenierten sich selbst als Marke/Kunstwerk. Koons wird teilweise auch der Appropriation Art zugeordnet, was vielleicht so zu verstehen ist, dass er den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln kritisiert.

Bei einem zeitgenössischen Kunstwerk, gesponsert vom Luxuskonzern Louis Vuitton, haben wir uns länger aufgehalten. Halbnackte Frauen wurden in einem Flagshipstore als "Ware" ausgestellt und der Kunde als ein Voyeur bloßgestellt. Auch in den Medien gab es einen Skandal, weil die dunkelhäutigen Models mit der Geschichte des Konzerns (Stichwort Kolonialisierung) in Verbindung gebracht wurden. Die Fragen die sich uns stellten, kreisten darum, warum es sich überhaupt um ein Kunstwerk handelt, was passiert wäre, wenn eine Marketingagentur beauftragt worden wäre, ob die Vorgabe des Unternehmens "sich von der Künstlerin herauszufordern" ein scheinheiliges oder vorselektiertes Bekenntnis ist, ob diese absolute Vereinbarung (das zur Verfügung stehende Budget übertrifft bei weitem das von der öffentlichen Hand) die Kunst in neue Bahnen lenkt, wann etwas zu einem Kunstwerk wird, ...

In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem Boom der Galerien und es wurde überall die Erfahrung gemacht, dass auch Kunst ökonomisch verwertbar ist. Kritik zu äußern wurde immer schwieriger, weil das einfache Feindbild verschwunden ist. Persönlich verstehe ich die Wirkung von Kunst im Bezug auf Kapitalismus heutzutage so, dass sie Fragen in Bereichen aufwirft, wo noch keine auftauchten. Ein genanntes Beispiel ist die Frage, ob in (ggf. scheinbaren oder behaupteten) rationalen Systemen zu Beginn Willkür herrscht. Eine dazu passende Meinung von Frau Steiner: "Kunstwerke geben keine Antworten, sie werfen immer Fragen auf."