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Kloster

Eröffnungswochenende 04.- 06.09.2009

von Florian Winzer

 

Eine gewisse Unruhe und spannende Erwartungen machten sich in mir breit, als es nach dem Vortreffen nun zu unserem ersten gemeinsamen „Kunst- und Kultur Wochenende“ im Kloster Bronnbach kommen sollte. Wie werden wir uns als Gruppe verstehen und wie funktioniert das mit dem gemeinsamen Kunsterlebnis?
Trotz Stau schafften wir es pünktlich zum Ziel. Es regnete, aber als wir ankamen hatte mich schon das Kloster in seinen Bann gezogen. Ich war überwältigt von der Unberührtheit und der unheimlichen und zugleich beruhigenden Atmosphäre des Klosters und dessen Umgebung. Ein sonderbares und faszinierendes Bild ergaben die letzen Sonnenstrahlen, welche bei leichtem Regen die Figuren um den Brunnen vor dem Kloster beleuchteten. Eine ungewöhnliche Ruhe - im drastischen Kontrast zu unserer gewohnten Umgebung- wie unser zweites Wochenende "Klangcollagen" später zeigen sollte.
Zunächst erhielten wir eine - wie von Konstantin verheißungsvoll angekündigt- interessante Führung durch eines der ältesten Zisterzienserkloster Deutschlands, um die Umgebung, von welcher sich der Name unseres Stipendiums ableitet, kennen zu lernen.

Am Abend kam es zu einer sehr intensiven, aufschlussreichen und auch emotionalen Vorstellungsrunde, mit sehr persönlichen und prägenden Erfahrungen, Motivationen und Wünschen. Ich war beeindruckt von den anderen Stipendiaten und deren Erzählungen und schätze mich glücklich, dazu gehören zu dürfen. Auserwählt ein „Bronnbacher“ zu sein.
Immer wieder kehrende Motive unseres Jahrgangs sind ein besonderes Interesse und die Faszination für die Verflechtung von Kunst, Kultur und Wirtschaft sowie die Beschäftigung mit Kunst als Abwechslung und Ausgleich zum Uni- Alltag; ebenso erhoffen wir uns die Erweiterung unseres künstlerischen Horizonts sowie der eigenen Persönlichkeit mit Hilfe von neuen Impulsen, die uns durch die Kunst vermittelt werden.
Ein besonderer Wunsch liegt in der Wiederbelebung des kulturellen Herzens, welches bisher von wirtschaftlichem Denken verdrängt wurde

Um unsere persönliche Entwicklung, unsere Ziele und Erwartungen am Ende des Stipendiums  feststellen zu können, haben wir einen persönlichen Brief an uns selbst adressiert, der uns nächstes Jahr zugehen wird, wenn das Programm zu Ende ist.

Samstagmorgens informierte uns Konstantin über die Tätigkeiten des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, sowie auch den Hintergrund des Stipendiums.
Kultur ist eine immer wichtigere und ernstzunehmende Aufgabe von Unternehmen, so dass wir Bronnbacher als potenzielle, zukünftige Führungskräfte auch mit gesellschaftlicher Verantwortung für Kunst und Kultur konfrontiert werden. „Bronnbacher“ als Bindeglied zwischen Wirtschaft und Kultur.

Am Vormittag erhielten wir einen Besuch von Herr Dr. Jürgen Schneider, dem ehemaligen Finanzvorstand Bilfinger Bergers, der uns an seinem beruflichen wie auch persönlichen Werdegang und seiner Beziehung zur Kunst teilhaben ließ. Seine Erzählungen über ein Projekt im Iran hat mich besonders interessiert, da ich selbst iranische Wurzeln habe. Als Herr Schneider dort war, waren meine Großeltern mit meiner Mutter und ihren Geschwistern bereits aus Teheran aufgrund der politischen Situation ausgewandert.
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Nachmittags trafen wir auf den Kurator Thomas Trummer, der im Siemens Art Programm für die Bildende Kunst verantwortlich ist. Er hat Kunstgeschichte in Graz studiert und ist u.a. auch als Dozent an den Kunst Universitäten in Linz und Wien tätig ist.
Es ging um das Thema Selbstporträts und Selbstdarstellungen. Eingestiegen sind wir mit der Frage, wie man sich im Internet, z.B. in Facebook, präsentiert. Welches Foto wir wählen, um was für eine Wirkung beim Betrachter hervorzurufen.
Über Attribute in Fotografien– z. B. Familienglück als Attribut der Selbstdarstellung- gelangten wir über vergleichbare Attribute der Selbstdarstellung in der Kunst.
Zunächst betrachteten wir Selbstdarstellende Werke des Künstlers Schiele, der unter anderem exzentrische Posen oder Pflanzen als Attribute wählte. Letztere Attribute fanden wir auch in den Sonnenblumen Van Goghs wieder.

Auch mit sakralen Selbstdarstellungsmotiven beschäftigten wir uns, insbesondere mit Albrecht Dürers Darstellung als Jesus und der Frage, ob die Schaffung eines Ebenbild Gottes nicht fast schon Blasphemie sei.

Soweit ich die Ausführungen von Thomas verstanden habe, kritisierte er in seinem Fazit den inflationären Umgang mit Fotografien bei Facebook, welche an sich völlig banal und relativ gedankenlos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Ein Künstler habe die Möglichkeit Grenzen der Authentizität und des Banalen in der Extreme zu überschreiten. Demgegenüber versuche die Masse sich möglichst realitätsgetreu – wohl auch nicht immer- darzustellen, wodurch jedoch jegliche Authentizität an Bedeutung verliere.
Was ich mich doch die ganze Zeit frage ist, was denn daran „verwerflich“ sei, sich authentisch darstellen zu wollen. Warum dieser Wunsch nach Authentizität banal und niveaulos ist, wenn man ein Nichtkünstler überhaupt keinen künstlerischen Anspruch hat. Aber vielleicht ist das ja gerade das Verwerfliche, dass man eben keinen künstlerischen Anspruch hat?

Sonntags trafen wir die Musikpreisträgerin (2004) Silke Evers und die international spielende Pianistin Wiebke tom Dieck, die uns einen tiefen und sehr anschaulichen Einblick in die Entwicklung der Neuen Musik verschafften. So präsentierten sie uns verschiedene Stücke  von Mozart über Schuhmann zu Anton Webern, welche jeweils charakteristisch für die verschiedenen Entwicklungsstufen sind. Kennzeichnend war stets der Wunsch nach Wandel- Umbruch- Veränderung. So entstand im Laufe der Zeit die 12 Ton Musik, bei der alle Töne gleichberechtigt sind.
Jeder von uns hatte ein sehr extremes und intensives Hörerlebnis bei den verschiedenen Musikstücken. Die meisten Stücke klangen beim ersten Hören sehr ungewohnt und fast schon unangenehm, wenn nicht sogar leicht abstoßend. Da es für die meisten von uns etwas völlig neues war, wusste man erst beim erneuten Zuhören das Wahrgenommene zu schätzen. Bei dem Prozess zur heutigen „Neuen Musik“ gewöhnten wir uns an das Unbekannte und verfolgten mit Spannung die Präsentation durch die Jahrhunderte von Silke und Wiebke.
Besonders außergewöhnlich war ein Stück, bei dem der Flügel nahezu zweckentfremdet wurde, indem die Pianistin neben dem Spielen der Tasten auch die Flügelseiten benutzte. Dieses merkwürdige Bild, welches uns bot, wurde durch Sprechanteile der Pianistin und den eigenartigen Gesangspart von Silke verstärkt.

Aufregend und zugleich befreiend war es, als wir gemeinsam in den Hof des Klosters gingen und Silke uns zu Lockerungsübungen aufforderte. Sodann liefen wir durcheinander und jeder von uns sollte einen bestimmten Ton halten. Durch diesen Improvisationsgesang haben wir unsere eigene Neue Musik geschaffen.

Mein erstes Wochenende im Rahmen des Bronnbacher Stipendiums im Kloster Bronnbach war von unzähligen vielseitigen Eindrücken geprägt, welche sich nicht nur aus den Gesprächen mit den Künstlern sowie deren Präsentationen ergaben, denn ebenso besonders  waren die ersten Annäherungen und das gegenseitige Kennenlernen untereinander.

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