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| 19. März 2010 |
Kategorie: events, reviews

Abseits der Kulturförderung - Die Entdeckung des Rottstr. 5 Theaters

rottstrflyerNirgendwo sind die großen Häuser dichter gesät als im Ruhrgebiet. Wer in Bochum von Theater spricht, der meint das überregional bekannte Schauspielhaus. Oder – seit nicht einmal einem Jahr – die kleine Off-Bühne in der Rottstr. 5.

Von Falk Ebinger.


Während die Alteingesessenen mit glänzenden Augen von den großen Zeiten mit Zadek, Peymann und Haußmann schwärmen, erspielt sich eine kleine Truppe junger, professioneller Theatermacher in der Rottstraße den Ruf als eine der kreativsten und ambitioniertesten Bühnen im Ruhrgebiet. Abseits öffentlicher Subventionen, Kulturhauptstadt-Theaterdonner und dem Schein prachtvoller Bauten, wohlgemerkt.

Schon der Blick auf den Spielplan überrascht: nicht die in diesem Format üblichen ein, zwei Stücke an den Wochenende sind gelistet. Nein, über 20 Veranstaltungen traut sich die Bühne im Monat zu. Ein schier unglaubliches gutes halbes Dutzend Eigenproduktionen werden gegeben, dazu mehrere Gastspiele anderer Theatermacher, Lesungen, Konzerte und ein Bingoabend mit Livemusik. Kann das gehen? So ganz jenseits etablierter Strukturen, den Fleischtöpfen der Kulturförderung und den Feuilletons?

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Wer dies herausfinden will, muss seinen Einsatz bringen. Die Bühne findet sich in einem dunklen Hinterhof im schmuddligsten Teil der Stadt. Eine Hotelruine und ein Asia-Shop nehmen die Sicht. Gleich um die Ecke liegt der „Eierberg“, das dem Schauspielhaus an Bekanntheit mindestens ebenbürtige Rotlichtviertel Bochums. Hier an den Pforten zur Halbwelt hat sich das Theater in einen notdürftig instandgesetzten S-Bahn-Bogen eingemietet. Kaum 40 Plätze auf alten Kinosesseln und Sofas bietet das dumpfe Gewölbe. An der Kasse steht Hans Dreher, Mitglieder der künstlerischen Leitung und einer der vier an der Bühne arbeitenden Regisseure. Am Schauspielhaus hat er auch schon inszeniert. Jetzt steht er fast jeden Abend hier, verkauft Eintrittskarten und Bier in Flaschen, das er von der Trinkhalle gegenüber holt. Die Afri-Cola kostet 1 Euro. Mehr Bohème geht nicht.

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Heute wird Nach Troja II (Insel) gegeben, eine Eigenproduktion aus einem dreiteiligen Zyklus. Ich bin gespannt – und werde völlig überwältigt. Magdalena Helmig, Oliver Möller und Arne Nobel spielen sich die Seele aus dem Leib. Authentisch und dicht, voller Kraft und Intensität erzählen sie die alte Geschichte ausgebrannter und seelisch verkrüppelter Soldaten auf der Suche nach dem Sinn in ihrem zusammengeschossenen Leben. „Eine Philoktet-Variante auf LSD“ wird das Stück im Leporello genannt. Guter Stoff. Mit dem Verlöschen der Lichter wird der Mythos mit atemberaubender Geschwindigkeit in die nicht weniger blutige Gegenwart katapultiert und verschmilzt mit Joseph Conrads Herz der Finsternis, Coppolas Apocalypse now und dem tägliche Wahnsinn in Afghanistan und Irak zu beeindruckendstem Antikriegs-Theater. Dabei kommt die Inszenierung ganz ohne die schreiende Skandalinszenierung aus. Das Stück lebt alleine von seinen Protagonisten. Und hier sind keine Hobbyschauspieler am Werk, sondern zweifelsohne die Absolventen der Meisterklasse. Nach nur 75 Minuten verlasse ich völlig erschöpft, aber glücklich den dunklen Keller. Was für eine Entdeckung!

Innerhalb einer Woche bin ich noch zweimal in dieses Independent-Juwel gegangen, nur um mich noch stärker begeistern zu lassen. Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, „Rottstraßen-Ultra“ zu werden und mir für 100 Euro im Jahr halben Eintritt und ein Freigetränk bei jedem Besuch zu sichern. Garantiert ein lohnendes Geschäft. Nicht nur wirtschaftlich. Denn hier wird keine Kultur verwaltet, hier wird mit höchstem persönlichen Einsatz, Unbedingtheit und aggressivem Anspruch Theater gelebt. Definitiv empfehlenswert.


 
 
 

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